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Zweite Garde Kaffeebecher vorrücken, bitte. Die erste Garde steht benutzt in der Spüle. Natürlich könnte man diesem Zustand Abhilfe verschaffen, muss man aber auch grad nicht. Finde ich. Nachdem ich gestern in einem Künsteratelier sass, ist für die nächsten Tage mein Anspruch an Ordnung und Sauberkeit gesunken. Chaos schafft Kreativität. Habe ich nach gestern beschlossen.
In der kleinen Nachbarstadt öffneten die Künstler für das interessierte Publikum ihre Ateliers, luden ein auf Kaffee, Prosecco und furchtbar kleberiges Weingummi. Wie schön.

Ein kleiner Hinweis auf den Eingang des Ateliers wäre schon hilfreich gewesen, aber dessen bedurfte es dann auch eigentlich wieder nicht wirklich. Offensichtlich gibt es einen Code, man erkennt sich, lächelt sich zu, ‚Hier geht es hinein, zwischen den Häusern, kommt einfach mit.‘. Das tun wir dann auch. Die Treppe liegt nicht minder im Dunkel, die schwere Eisentür öffnet sich behäbigt, der Eingangsbereich schummerig, eine umfunktionierte Küche, ein kleines Chaos. Aber es folgt Lächeln von der nächsthöheren Ebene des Raumes, freundliche Gesichter, einladende Gesten.

Josi ist Berufsmaler, lebt von seinen Bildern. Nachdem ich die ersten grossformatigen Leinwände an den Wänden, auf Möbeln und an die Wand gelehnt betrachtet habe, finde ich zu Recht. Fotorealistische Bilder, verspielte plakative Bilder, aber jedes für sich wunderbar in der Ausführung.

Um den kleinen Tisch herum steht eine wild gemischt Abordnung Stühle. Jeder für sich Individualist mit Gebrauchsspuren. Das Flies auf dem Boden, übersät mit Farbtupfern, dämpft die Schritte, Geräusche und Stimmen. Ich setze mich, sehe rauchend Josi zu, wie er von den Schwierigkeiten auf dem Kunstmarkt erzählt, lausche den Diskussionen um Kommerz in der Kunst, Ikea- und Baumarktbildern, während ich den Linien seiner Bilder folge. Mir gegenüber steht am Ende des Raumes, hinter Leinwänden und Bildern und Ray Charles eine Art Apothekerschrank. Die Schubladen halb geöffnet, angefüllt mit Farbtuben, Pinseln, Werkzeugen.
Immer wieder betreten Besucher den kleinen Raum, in der Luft hängt ein Gemisch aus kaltem Rauch und Ölfarben, das Atelier ist ein kleiner wohlgeordneter Kosmos, das Dunkel hinter den grossen Fenstern trennt uns von der Welt.
Mir fallen seine Hände auf. Während er mit ruhiger Stimme spricht, sind sie ungewöhnlich unruhig, flatterhaft. Er raucht, die Zigarette zwischen seinen Fingern zittert. Ich frage mich, wie er diese wunderbaren feinen Linien mit diesen Händen hinbekommt. Die Diskrepanz aus seiner ruhigen Stimme, den klaren detailreichen Bildern und seinen zitternden Händen erstaunt mich.
Zwischen all den angeregten Gesprächen, dem Zigarettenrauch und der entspannten Atmosphäre sehen wir uns immer wieder an. Ich mag diese Verbundenheit. Die stillen, wortlosen Gespräche. Das Zwinkern. Die unausgesprochenen Fragen. Fühlst du dich wohl? Es ist schön hier, oder? Das ist, was Freundschaften wohl ausmacht. Wie schön. Ja, ich fühlte mich wohl, zwischen den Bildern, den Farben, den Worten, dem perlenden Lachen der schönen Frau. Das Atelier des Malers mit den zitternden Händen war genau der richtige Platz für einen verregneten, dunklen Tag.

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