Knistern

Das Licht ist grell, die Wände weiss. Unterbrochen vom klassischen Zahnarztbild, Monet, Seerosen. Wer hat Zahnärzten eigentlich diese Wanduniformierung beigebracht? Mich gruselt. Ich will hier nicht sitzen, ich habe eine öffentlich eingestandene Zahnarztphobie. Und ich will mich heute nicht anfassen lassen. Ich wäre heute gerne wieder Kind. Ich nehme mir die Freiheit auf die betont fröhliche „Na was machen wir denn heute?“ – Frage meines Zahnarztes ein trotziges „Nichts.“ zu entgegnen. Er sieht mich kurz erstaunt an, schüttelt dann kurz den Kopf um es noch einmal zu versuchen. „Na aber wenigstens schauen darf ich doch, oder?“. Na gut. „Gucken, ja. Aber nich am Lack packen“ Er lacht und gibt sich für heute tatsächlich geschlagen. Er erzählt mir, dass er bereits heute morgen einen Patienten im exakt selben Stuhl sitzen hatte, der ihn ebenfalls wissen liess, dass heute mehr als Gucken nicht drin ist. Vielleicht liegt es am Tag, vielleicht liegt es an der Jahreszeit. So kurz vor Weihnachten, den Hallohoo besinnlich-Tagen, da will sich niemand wehtun lassen. Ich nämlich auch nicht. Also belassen wir es beim kurzen Blick, tauschen die inzwischen üblichen Jahresendfloskeln aus und ich verschwinde wieder ins knisternde Dunkel hinaus.
Die Luft ist bitterkalt, schlüpft mit mir in den Wagen, der so gar nicht warm werden will, begleitet mich bis nach Hause. Als ich aussteige, kurz nach oben sehe, fällt mir der sternenklare Himmel auf. Keine Wolke weit und breit, nur knistern und glitzern. Ich sehe die Sterne an und fühle mich nach meinem trotzigen Zahnarztbesuch in meine Kindheit zurückversetzt. An diesen Seitenstreifen einer österreicher Passstrasse. Als mein Vater mich in eine Wolldecke gewickelt auf das Dach unseres Autos gehoben hat. Gleich neben meinen grossen Bruder, der ebenfalls in seinem Wolldeckennest bereits auf dem Dach sitzt. Von meiner Mom bekamen wir jeder einen Plastikbecher dampfenden Pfefferminztee, sie hatte auf solchen Urlaubsfahrten immer zwei Thermoskannen dabei. Eine mit dem Pfefferminztee für uns, eine mit Kaffee für sich und meinen Dad. Ich habe nie wieder soviele Sterne gesehen wie in dieser Nacht. Jetzt gerade hätte ich gern ein Wolldeckennest, dieses Gefühl, das es keinen besseren Platz auf der Welt gibt als auf dem Dach des Autos. Während mein Dad uns die Sternbilder erklärt und meine Mom lächelnd mit dem Kopf schüttelt,weil die Hälfte dieser Bilder, von denen er erzählt, einfach ausgemachter Quatsch ist. Aber uns bringen die Hasen-, Elefanten-, Giraffenbilder, von denen er uns erzählt, immer wieder zum Lachen. Ich glaube, ich hatte die beste Kindheit der Welt. In meinem Wolldeckennest.

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