Wenn Bambi auf Notärztinnen trifft…

Irgendwann, an dieser stillen Stelle im Gespräch, nach diesem kleinen Satzfragment weiss ich, was kommen wird. Vielleicht hätte ich auflegen sollen. Aber ich lege nicht auf. Halte den Hörer fest. Ich bleibe auf der Bettkante sitzen. Kann dort so wenig aufstehen und weggehen, wie ich die Worte ausblenden kann.
Die Worte, die leise aus dem Hörer in meinen Kopf kriechen. Die Worte, die von meinem Kopf in meinen Bauch kriechen und sich dort zu einem kalten Klumpen vereinen. Still ist es in der Wohnung. Allein auf der Bettkante hockend, die Stille in der Wohnung, die Worte in meinem Kopf und in meinem Bauch.


Ich bin in diesem Moment nicht das grosse Mädchen, das ich sonst so gerne gebe. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Das passiert mir selten. Aber das hier, das ist einer dieser Momente. Kein Wort ändert es jetzt noch. Nichts, was ich sagen könnte, würde es ändern.
In meiner Kehle wohnt ein Tier, das all‘ die klugen Worte frisst.

Wenn ich verletzt bin, neige ich zu Sarkasmus. Nicht alles, was ich sage, sollte ich jetzt sagen. Ich weiss es, während ich den Worten zuhöre, die aus meinem Mund kommen. Einfach so. Ich höre mir zu, wie ich sarkastisch und zynisch bin. Wie ich Dinge sage, die ich nicht sagen sollte. Aber das alles, alles was du mir sagst, das solltest auch du nicht sagen. Ich kann es nicht verhindern, ich kann deine Worte nicht aufhalten. Genauso wenig wie meine Eigenen. Vieles von dem was ich sage, will ich nicht sagen. Wirklich nicht. Ich will es gar nicht so enden lassen. Ist es das, wie die Dinge enden? Wie alles aufhört, was da war? Wie in mir wieder etwas erlischt, wieder ein Stück mehr von mir verloren geht. Das Bambi in mir, dass am Anfang so scheu und zitternd auf dieser Lichtung stand, voller Angst es noch einmal zu versuchen, noch einmal jemanden in die Nähe zu lassen, das würde jetzt gern wieder davonlaufen. Zurück in das Unterholz. Zurück in das Unterholz, aus dem du es so geduldig und mit soviel Zuversicht gelockt hast.
Das Bambi in mir, das sehnt sich nach dem leisen Knacken kleiner Äste wenn es sich mit vorsichtigen Schritten wieder verstecken kann. Im Unterholz. Im sanften dunkelgrünen Licht, zwischen grossen Blättern und Farnen.
Das Bambi in mir, das würde gerade gern so tun, als wäre das alles nicht passiert.

Das Bambi in mir, dass würde ich manchmal gern erschiessen. Aus Mitleid. Damit es nicht mehr zitternd dastehen muss und nicht mehr Gefahr läuft, von jemandem aus dem Unterholz gelockt zu werden. Mit sanfter Stimme.
Das Bambi in mir, das ein mal bleiben wollte. Das nicht gehen wollte.
So ist das, mit mir, mit dem Bambi in mir, mit dem Herz.
Und jetzt, jetzt ist es fort. Davongelaufen. Mit blutigen, zitternden Flanken. Und ich kann nur auf die Stelle zwischen den Farnen sehen, wo die schwingenden Blätter davon erzählen, wo es verschwand. Nur noch ein Moment, dann werden auch die Blätter wieder still sein. Nichts wird mehr danach aussehen, als wäre es jemals hervorgekommen.

Wenn der Moment dann vorbei ist, die Blätter aufgehört haben zu schwingen, kommen die Fragen. Ich weiss, das sie da sind. Sie sitzen in meinem Kopf und trommeln unüberhörbar mit den Fingerspitzen. Ich kenne jede einzelne von ihnen. Warum ich nicht vorher gegangen bin. Warum ich nicht auf sie gehört habe. Denn eigentlich habe ich es doch gewusst. Eigentlich habe ich mir doch einreden wollen, du lernst daraus. Nächstes Mal machst du es besser. Ich weiss nicht, wie oft ich es mir noch selber erklären soll. Wie oft ich mir das Bild der Notärztin, die mit der Herzmassage nicht aufhören kann, noch vor Augen halten muss.

2 Reaktionen zu “Wenn Bambi auf Notärztinnen trifft…”

  1. Stefan

    Als es keine Anleitungen mehr gab, musste ein jeder sich selbst finden.

    Und wirklich war das schon immer so mit dem Menschen, seit er nicht mehr Tier allein sein konnte.

  2. lightdot

    Das ist sehr schön beschrieben. So ein Bambi haben wir alle in uns, glaub ich. Und so ein Bambi haben wir alle schon mindestens einmal sterben lassen. Glaub ich.

Einen Kommentar schreiben