Lass es mir…

Du hast mal gesagt, du liest es. Regelmässig. Wiederkehrend.
Und was, wenn ich das gar nicht will? Gerade jetzt nicht? Vielleicht will ich hier Dinge sagen, die nur ausgesprochen werden wollen. Aus mir raus wollen. Die du gar nicht sehen brauchst, die dich nicht erreichen sollen, die nicht für dich bestimmt sind, nur für mich. Das hier ist mein Platz. Mein Sofa. Meins. Meins ganz allein. Und es gibt kein unser mehr. Kein uns. Kein wir. Also geh bitte. Sieh das hier nicht an. Sieh mir nicht zu. Sieh den Worten nicht zu. Den Worten, die nicht für dich sind. Vielleicht wäre ich gern wütend. Vielleicht würde ich gern fluchen. Mein Herz verfluchen.
Und still und leise, so ganz für mich, das Bambi zu Grabe tragen. Aber auch hier, mittendrin, ein „für mich.“. Siehst du das? Für mich. Nicht für dich. Also geh. Geh bitte. Lass mir das hier. Ohne das ich das Gefühl haben muss, irgendetwas nicht sagen zu können. Ich will, für mich, ohne Konsequenzen die Möglichkeit haben, mich daneben zu benehmen. Zu zetern. Beleidigt zu sein. Verletzt zu sein. Sarkastisch zu sein. Zynisch zu sein. Von Wut und Tränen, von Regen und Launen, von Freundschaft und Möglichkeiten, von Zweifeln und Fragen, von Vertrauen und Misstrauen, von Wahrheit und Lüge zu reden.
Ich will, für mich, darüber nachdenken können, ob ich mir vorstellen kann, irgendwann mit dir befreundet zu sein. Ich will daran zweifeln können, dass es so war, wie du sagst. Ich will an mir zweifeln können. Ich will an dir zweifeln können. Ohne Einfluss zu nehmen wie ich mich in 3 Tagen fühle. Wie ich mich in 3 Monaten fühle. Ich will nicht darüber nachdenken, dass ich über diese Option nicht reden kann, weil ich es dir noch gar nicht sagen wollen würde. Ich will darüber nachdenken können, ob ich mir vorstellen kann, das alles hinter mir zu lassen. Irgendwann über dich zu sagen „Nur jemand, den ich einmal kannte….“.
Aber ich will das allein tun. Ich will entscheiden, wann ich dir das sage. Ob ich dir das sage. Ob ich dir etwas sage. Ob ich Nichts mehr sagen will, weil alles was zählt, gesagt ist. Weil vielleicht zuviel gesagt ist. Vielleicht will ich sagen können, dass ich gerne mit dir reden würde. Das ich mir wünsche, dass du mit mir sprichst. Weil Nichts für mich schlimmer ist als Schweigen. Aber vielleicht ist das nur ein Moment. Nur ein Satz. Ein Satz, den ich sagen können will, damit ich ihn weglegen kann. Weil ich es in der nächsten Sekunde nicht mehr will. Nicht will, dass ich jemals das Gefühl bekomme, das Dinge passieren, weil ich sie hier sage. Weil ich so Einfluss darauf genommen habe.
Nein, das muss man nicht in einen Blog tickern. Natürlich nicht. Ich kann auch daran ersticken.
Ich will aber nicht daran ersticken. Es ist mein Blog. Meins. Für mich.
Und wenn ich diese Dinge sagen kann, für mich und nicht vor dir, dann ändert das etwas. Ich kann es aus mir rausschreiben, ohne Empfänger. Aber es ist verbindlich. Es öffentlich zu machen, Dinge auszusprechen, das macht es anders. Das macht es vorhanden. Worte ergeben so eine greifbare Form. Ich kann dann nicht mehr so tun, als hätte ich es nie gesagt. Als wäre ich nie verletzt gewesen. Als würde ich nicht zweifeln. Ich kann mich dann weniger selbst belügen, Gesagtes nicht mehr so einfach ausblenden.
Und wenn ich einen Weg finden will, für mich, wie es an dieser Stelle weitergeht, dann brauche ich Fixpunkte und Konstanten. Ein Konstrukt. Für mich.
Also bitte geh. Lass mir das hier. Bitte.

9 Reaktionen zu “Lass es mir…”

  1. lightdot

    Und ganz genau aus diesem selben Grund habe ich ein Blog, von dem keiner weiß, am allerwenigsten derjenige, für/über den es geschrieben wird. Damit ich dort alles sagen, aussprechen, rausschreien, hineinflüstern kann, was mich sonst zum Implodieren bringen würde, wenn ich es in mir behalten müsste.

    P.S. Es ist erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten wir mit unseren Seelenwehwehchen haben. Wirklich erstaunlich…

  2. lightdot

    P.P.S. Ist das eine neue Gardine? Oder bin ich so verpeilt? Auf jeden Fall mag ich die vielen Vögel, die da rumfliegen und laut krähen…

  3. Nika

    Weisst du, ich habe auch überlegt, hier abzuschliessen. Und irgendwo neu anzufangen. Aber das ist hier ist meins. Nicht schwer zu finden. Zurückzuverfolgen. Genauso wäre auch ein neuer Blog zu finden.
    Und es würde mir wie weglaufen vorkommen. Ich will nicht weglaufen. Und nicht ersticken. So kann ich nur darum bitten, es mir zu lassen. Nicht hinzusehen. Nicht jetzt. Und zu hoffen, das meine Bitte so angenommen wird.

    Zum P.S : Ja, so sieht das aus. Erstaunlich in der Tat, aber manchmal auch beruhigend sich verstanden zu fühlen.

    Zum P.P.S : Ja, das ist eine neue Gardine. Mir ist im Moment nicht nach Frühling. Nach blühenden Dingen. Die letzte Gardine passte dann nicht mehr und bekanntlich fühle ich mich dann unwohl, wenn Aussen nicht zu Innen passt.

  4. lightdot

    Man muss doch nicht gleich abschließen und umziehen. Eine zusätzliche geheime Schublade tuts auch. Für mich zumindest. Denn sich darauf verlassen, dass andere die innigsten Wünsche von einem respektieren, das hab ich längst aufgegeben.

  5. Michael

    1. Das ist für meinen Geschmack grossartig geschrieben. Grossartig!
    2. Bloggen ist immer auch ein Stück weit selbstreferenziell. Wie viele Blogger schreiben z.B. über die Blogosphäre? Das kann die Person des Autors dann natürlich auch über sich selbst tun. Bleibt die Frage warum man dann nicht einfach einen Zettel nimmt. Da ist es wohl wirklich so, dass man sich selbst coram publico wohl mehr in die Pflicht genommen fühlt dazubleiben. Bei sich. Das Medium Blog bietet kurioserweise eine Art Zwischenboden an, auf dem man selbst quasi ein wenig verweilen kann, um von dort aus schliesslich wieder ein Stückchen weiterzugehen. Eine Qualität, die der einfache Zettel niemals bietet, denn in diesem Kontext würde – wiederum kurioserweise – der einfache Zettel schon beinahe wie das Werkzeug eines Narzißten anmuten…

  6. aebby

    Gedanken dazu legen erlaubt ? lg Aebby

  7. Nika

    Judith, ich hoffe einfach. Ich vertraue darauf. Ich wünsche es mir. Das es funktioniert. Das man(n) diesen Wünschen nachkommt und sie annimmt. Vielleicht will ich auch den Glauben in das Gute, in Wahrhaftigkeit und Respekt, in Aufrichtigkeit und Vertrauen nicht so ganz verlieren. Vielleicht gerade deswegen diese Bitte und nicht der Versuch, es anders zu lösen.

    Michael, vielen Dank. Für das Kompliment und die Worte, die so treffend sind. Wirklich.

    Aebby, würde ich keine Kommentare, Gedanken und Meinungen erlauben wollen, hätte ich die Kommentarfunktion für diesen Beitrag oder dieses Thema geschlossen.

  8. aebby

    > würde ich keine Kommentare, Gedanken und Meinungen
    > erlauben wollen, hätte ich die Kommentarfunktion für diesen
    > Beitrag oder dieses Thema geschlossen.

    Dennoch gebietet es mir der Respekt vor Dir und Deinen oben formulierten Gedanken nachzufragen. Wir kennen uns nicht gut genug, dass ich es mir einfach herausnehmen würde ohne Nachfrage auf solch einen Beitrag zu antworten.

    Dein Text hat mich sehr berührt, er zeugt von großer Verletzlichkeit und von geschehenen Verletzungen. Das Aussprechen der Gedanken, nicht nur das stille „ins Kissen beißen“ empfinde ich als bewundernswert und nachahmenswert. In dieser Klarheit schaffe ich das nicht. Dein Text zeugt für mich letztendlich von einer inneren Stärke – Respekt!

    lg Aebby

  9. Nika

    Mehr als ein ehrlich gemeintes Danke kann ich dazu nicht sagen, Aebby.
    Aber ich lasse deine Worte gern so stehen.

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