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Meine Wut trägt mich durch den Tag. Sie rollt in mir. Sie ist voller Vorwürfe. Sie ist voller Unverständnis. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie du das tun konntest. Vor allem nicht so. Wie du das alles hinwerfen kannst, einfach so, mit einem Telefonat. Wie du einfach auflegen konntest. Nach all dem, was du von mir weisst. Wie gut du mich kennst. Wie sehr du weisst, wieviel Angst ich hatte. Wie sehr ich dich gebeten habe, mir nicht so nahe zu kommen. Wie ich dich gebeten habe, mir meine Sicherheitsleinen zu lassen. Ich wollte meinen Fallschirm nicht ohne Reißleine tragen müssen, nicht ohne sie den Mut aufbringen zu springen. Aber ich bin gesprungen. Weil du mir so sehr das Gefühl gegeben hast, du wirst mich halten. Ich bräuchte meine Sicherheitsleinen nicht. Das macht mich wütend.
Das du es nur gesagt hast, aber nicht dazu gestanden hast. Das macht mich wütend. Das lässt mich durch den Tag kommen. Aufrecht. Manchmal fluchend. Manchmal aggressiv.

Es macht mich wütend, wie du schweigst. Wo ich es dir so oft gesagt habe. Diesen einen, für mich so elementaren Satz. ‚Nichts, was du sagen könntest, kann mich so aus der Fassung bringen wie Schweigen.‘. Streite mit mir. Diskutier mit mir. Sag mir, dass ich Mist gebaut habe. Sag mir, dass du Mist gebaut hast. Aber schweig mich nicht an. Tu das bitte nicht. Ich ertrage Schweigen nicht. Schlimmer als mit Schweigen kann man mich in Konflikten und Unstimmigkeiten nicht bestrafen. Das hast du gewusst. Und du schweigst.

Mit jedem Tag mehr entferne ich mich weiter von dir. Von jeder Möglichkeit, dich noch einmal in meine Nähe zu lassen. Als Freund. Als einen Menschen, der wichtig war. Der einen Platz in meinem Leben hatte. Mir nah zu sein. Mit jedem nicht gesagten Wort kann ich es weniger. Jedes nicht gesagte Wort verletzt mich. Und ja, es macht mich wütend.

Die Wut, sie trägt mich durch den Tag. Aufrecht. Bis zum Abend. Bis zum Dunkel. Bis der Tage zu Ende geht. Mit dem Tag geht auch die Wut zu Ende. Dann stehe ich an meinem Auto, den Schlüssel in der Hand. Und ich kann nicht fahren. Weil die Wut zu Ende ist. Weil mir die Tränen über das Gesicht laufen und die letzte Wut aus mir hinaus spülen. Und ich einfach nicht mehr aufhören kann. Machtlos bin gegen all das Salzige, das einfach so über mein Gesicht läuft, auf meinen Mantelkragen tropft, sich glitzernd in meinem Schal verfängt. Ohne das ich das will. Und ohne, dass ich es aufhalten kann. Dabei wäre ich viel lieber weiter wütend. Und aufrecht. Ohne Tränen.

Aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht aufhören, Abends, im Dunkel. Dann quillt all diese Enttäuschung, die Trauer, die Verletztheit aus mir raus. So laufen sie mir weiter über mein Gesicht, immer weiter. Bis sie versiegen in der Nacht, irgendwann. Ich kann nicht wütend sein, ohne zu weinen. Ich kann nicht weinen, ohne wütend zu sein. Weil ich das nicht will. Weil ich es besser hätte wissen müssen. Aber weil es mich trotzdem einfach so getroffen hat. Weil ich dich trotzdem einfach so in meine Nähe gelassen habe, an mich, in mich, um mich. Trotz all der Angst, der vielen Worte, der kleinen Fluchten.

Deswegen kann ich nicht aufhören wütend zu sein und darüber zu weinen. Deswegen kann ich nicht aufhören zu weinen und darüber wütend zu sein.

4 Reaktionen zu “.:.”

  1. FrauVivaldi

    Ja. Jetzt weine ich auch. Wieder.
    Überlege auch immer und immer wieder, die Sicherheitsleine zu kappen.
    Traue mich nicht.
    Weiß jetzt wieder, warum.

  2. lightdot

    Das ist zu schön, zu traurig und zu wahr, um dazu eine passende Antwort schreiben zu können. Verzeih. Meine Wut trug und manchmal trägt mich auch durch den Tag. Und all das da oben zeigt nur, dass Mistkerle überall gleich sind.

  3. Nika

    FrauVivaldi, es lag mir fern, sie zum Weinen zu bringen.
    Und ich würde gern glauben, dass wir die Sicherheitsleinen loslassen können. Irgendwann. Wenn wir den Mut dazu verlieren, verlieren wir auch die Liebe. Dauerhaft.

    Judith, danke dir. Manchmal braucht es keine vielen Worte, nur das Gefühl, damit nicht allein zu sein und sich nicht allein so zu fühlen und verstanden zu werden.

  4. FrauVivaldi

    Nein, das lag ja nicht nur an Ihnen.. und irgendwann lasse ich los. Ganz bestimmt.

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