Vom Grau und Grün und seinen Tücken…oder ‚man hätte es vorher wissen können‘.

Wir sind noch nicht lange unterwegs, als meine Hand fast wie von selbst langsam in meine Tasche gleitet. Sich den Weg sucht zur Kamera. So lange habe ich die Zeit und die Möglichkeit vermisst.
Draussen zieht die Landschaft vorbei, die Autobahn liegt schnurgerade vor uns, ich geniesse meinen Platz auf der Beifahrerseite. Eine Seite, die ich viel zu selten besetzen kann. Eine Seite, die mir die Möglichkeit lässt, die Welt durch den Sucher zu sehen. Während ich U. am Steuer, die Windräder, die entfernten Höfe zwischen den Feldern photographiere, erreicht uns der Anruf, dass wir die Autobahn auf Grund eines Staus eher als gewohnt verlassen sollen.
Wir halten uns daran, niemand hat jetzt Lust auf Stau. Die Strassen hier sind wenig befahren, eigentlich macht es auch keinen Unterschied, ob wir die Bahn nutzen oder zwischen den Feldern unseren Weg suchen. Ich suche Fixpunkte in der Landschaft, Vogelschwärme, windschiefe Bäume. Da bleibt als Beifahrer wenig Aufmerksamkeit für den eigentlichen Weg. Ausserdem haben wir Zeit. Es ist nicht wichtig. Irgendwann, wenige Meter nach dem Schild, fällt uns auf ‚Ok, äh, da hätten wir wohl abbiegen sollen.‘ In der Tat. Sabbelnd und photographierend haben wir die Abzweigung um ein kleines Stück verfehlt.
Erfahrungsgemäss führen die Strassen hier kilometerweit stoisch geradeaus bis der nächste Hof die Möglichkeit einer ernsthaften Wendemöglichkeit bietet. Wir sehen uns kurz um, beschliessen nicht auf eine Einfahrt zu warten. Die Strasse ist 2spurig, rechts und links trennt uns das Sieltief von den Feldern. Genug Platz um den Wagen einfach zu wenden.
U. bremst und schlägt das Lenkrad energisch ein. Fährt ein Stück vor, beherzt. Über die Betonkante, die die schmale Fahrbahn begrenzt. Natürlich, man hätte vorher darauf kommen können, dass der Grünstreifen so nah am wasserführenden Tief vollständig durchweicht und moorgleich ist. Diese Erkenntnis stellt sich auch ohne Nachdenken durch ein sanftes aber nicht weniger spontanes Einsinken der Vorderachse ein. Das ist der Moment, wo ich die Kamera langsam einpacke, Richtung Motorhaube mit diesem neuen, interessanten Gefälle blicke. Wir sehen uns an, Kichern gluckst aufwärts, ein synchrones ‚Oh‚ steht für einen Moment ratlos im Wageninneren herum.
Ich glaube, wir haben ein Problem.‘ Jetzt müssen wir wirklich kurz Lachen. U. ist noch ausgesprochen optimistisch und testet kurz, wie hoch Moormatsch wohl fliegt, wenn man mit Frontantrieb Gas gibt. Dieses Experiment liefert als Ergebnis ‚Öh. Jawoll, satte 1 1/2 Meter.‘ Dumm nur, dass die Reifen jetzt konsequent bis zu den Radkappen eingesunken sind und die Motorhaube mit kleinen, hübschen Dreckklumpen verziert ist.
Die ländliche Bevölkerung dort ist auf den langgezogenen, geraden Streckenabschnitten gern mit nicht zu verachtenden Geschwindigkeiten unterwegs. Was U. zu der Aussage veranlasst ‚Wenn jetzt jemand aus der Gegenrichtung kommt, brauchen wir die Karre vorn nicht mehr aus dem Matsch holen, dann haben wir nämlich kein Heck mehr.‘ Ich muss jetzt wirklich lachen, steige aus dem Wagen. U. folgt mir. Ich kalkuliere kurz die Option zu versuchen, den Wagen vorn anzuschieben. Lasse aber von dieser Idee ab, als ich nach dem ersten kleinen Schritt über die Betonkante der Fahrbahn hinaus bereits mit einem satten Blubb einsinke.
So stehen wir ausgesprochen albern kichernd, ich mit einem nicht weniger albernen schmutzigen Schlammklumpen der mal mein Schuh war, auf der Strasse. Der Wagen noch immer quer zur Fahrtrichtung, wir weiterhin etwas ratlos.
Der Versuch, sich in die Türholme zu lehnen und zu schieben erweist sich als vollständig nutzlos, die Reifen bleiben bei ihrer Schlammpackung. Wellnessprogramm für alle, der Gerechtigkeit halber. Immerhin durfte mein Schuh ja auch schon mal die Moorpackung testen.
Kurz darauf hält der erste Wagen wenige Meter entfernt, ein Kennzeichen aus der Heimat. Der Fahrer steigt zögernd aus, steht kurz ähnlich ratlos wie wir auf der Strasse, fragt aber doch, ob er helfen kann. Natürlich, wir machen nämlich keine kurze Rast mit dem Auto quer zur Fahrtrichtung. Der nächste Wagen hält noch während der erste Fahrer zu uns herüber kommt. Der zweite Fahrer, seines Kennzeichens nach dort heimisch wo wir feststecken, bewegt sich schon entschlossener, nach einem kurzen Schiebeversuch schaut aber auch er schnell weniger entschlossen aus. Während wir so also bereits zu viert auf der Strasse stehen, die Männer diskutierend und halbherzig am Wagen rüttelnd, wir kichernd, hält der dritte Wagen.
Langsam wird es ein klitzekleines bisschen peinlich, was wir mit ‚mehr kichern‘ und ‚mehr ratlos gucken‘ geschickt kompensieren. Aus dem dritten Wagen steigen, jetzt demonstrierend was wirklich energische Schritte sind, 2 stattliche Holländer. Sie gehen ohne Umweg entschlossen auf die Front des Wagens zu. U. und ich tippeln etwas hilflos auf Höhe der Vordertüren umher, das einzige was uns beiden in diesem Moment einfällt ist ein ‚Oh, nicht da!‚ und ‚Uh, vorsicht, da ist doch schmutzig!‚. Typisch Mädchen. Natürlich, die beiden Holländer blicken kurz auf, herzliches Grinsen und ein ‚Ach was, das kennen wir schon!‘, gefolgt vom Anheben und Zurückschieben des Wagens auf die Fahrbahndecke erledigen unser Problem.
Wir bedanken uns bei allen, es wird fröhlich gewunken und gezwinkert von Seiten der Holländer, auch die anderen Herren steigen wieder in ihre Fahrzeuge, es wird noch kurz gehupt, von unserer Seite noch mehr gekichert inklusive vielleicht ein klitzekleines bisschen rot anlaufen. Was die Heiterkeit, das Hupen und Winken der Herren nicht wirklich vermindert.

Als wir kurze Zeit später am Haus ankommen und den Wagen abstellen, die ersten Sachen im Inneren zusammenpacken, öffnet der Don die Tür. Er blickt zuerst freudig, dann deutlich fragender auf die Motorhaube. Langsam geht er einen Schritt zur Seite, betrachtet stirnrunzelnd die Vorderräder. Die gewaltigen Dreckklumpen in den Radkästen. Dann blickt er ins Wageninnere aus dem schon wieder hilfloses Gekicher sich seinen Weg bahnt.
Er geht einen Schritt zurück, schüttelt den Kopf und winkt mit der klassischen ‚Ok, vermutlich will ich es nicht wissen‚- Geste ab.
Erwähnte ich mal, dass mir sowas öfter passiert? Uns, wenn wir unterwegs sind? Das es immer wieder Dinge sind, die eigentlich niemand wissen will? Natürlich kommen die Fragen, das Kopfschütteln, das ‚Typisch!‚ und all die anderen Aussagen, die wir schon so oft hören mussten.

3 Reaktionen zu “Vom Grau und Grün und seinen Tücken…oder ‚man hätte es vorher wissen können‘.”

  1. Phil

    Hmmm, ich dachte jetzt, dass die story mit jenen zwei Holländern im Hotel weiter geht, aber – weit gefehlt … ;-)

  2. FrauVivaldi

    Phil.. Sie und Ihre Phantasie..!! *g*

    (hab aber selbst auch kurz wenigstens über die Möglichkeit… naja..)
    Schön, dass das Abenteuer glimpflich, wenn auch nicht mit dem von Herrn Phil erhofften Ende, ausgegangen ist..

  3. Nika

    Pah. Also ehrlich. Ich bin ein anständiges Mädchen und gehe nicht einfach mit fremden Männern ins Hotel…. Was ihr immer so denkt…
    [zieht ein amtliches Schüppchen]

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