Rauschfest

Geputzt hab ich heute den ganzen Tag. Wie im Rausch. Gewünscht hätte ich mir, ich könnte so in meinem Kopf putzen. Mit dem Lappen die Gedankenflecken wegwischen, mit dem Staubsauger all die Flusenflausen aufsaugen und verschwinden lassen.
Flusenflausenaufsaugen, schönes Wort, sollte man sich merken. Doch, wirklich.

Dann, irgendwann zwischendurch, quillt diese Frage durch meinen Kopf. Bringt gleich ein Entsetzen mit sich. Und eine Frage. Ist das jetzt Nestbautrieb? Aufräumen um Platz zu schaffen. Und gar nicht, um etwas fort zu räumen, nur Raum zu schaffen für etwas anderes.
Da bin ich erschrocken. Auf einmal. So von ganz allein.

Man sagt Frauen nicht diese Dinge ohne das Fragen entstehen. Du solltest das nicht sagen. Aber du weisst, eigentlich will ich gar nicht fragen. Weil das schon immer so war. All die vielen Jahre.

All die vielen Jahre. Kaum noch zu zählenden Jahre. Jahre, als wären sie gar nicht mehr wahr. Als hätte das alles keinen Anfang und kein Ende.
Hat es aber. Und weisst du was? Ich glaube, ich erinnere mich an jede Sekunde. Jeden Moment. Sie alle sind gespeichert in meinem Kopf, da hinten. Siehst du? Dort liegen sie, all diese Momente und Blicke und Worte und Gesten und all das schöne Schweigen.
Das schöne Schweigen, das so selten zwischen Menschen ist. Das schöne Schweigen, das Zustimmung heisst. Gleichtaktschweigen.

Die schönen Momente, die ich immer mal wieder ansehen muss. Weil ich fürchte, mit der Zeit, mit dieser sanften Patina die Jahre entstehen lassen, da könnten sie verklärt werden. Einfach so. Das sagen sie einem ja nicht. Sie tun es ganz heimlich. Dann muss ich sie ansehen und mich fragen, ob sie wirklich so sind und waren. So sind und waren, wie sie dort als Erinnerung herumliegen.
Sie sind wohl noch immer so. So wie sie waren. Schön. Die Patina, die haben sie. Aber die verklärt nicht. Die verändert nicht. Sie sagt nur, sieh her, sie sind noch immer wertvoll. Und weisst du, warum? Weil das alles heute noch wahr ist. Weil es Bestand hat. Dauer hat. Wahrhaftig ist. Über all die Jahre, die so lang und viele sind, dass sie gar nicht mehr zu sein scheinen. Vielleicht hat das alles keine Zeit. Nur eine eigene. Die anders vergeht. Vielleicht auch gar nicht. Still steht.
Vielleicht sind wir wie Quecksilber. Glänzend. Fliessend.

Vielleicht sind es zu viele vielleichts in all diesen geflossenen Sätzen. Vielleicht genau das der Haken. Vielleicht sollte ich das alles gar nicht denken. Nicht noch einmal. Aber vielleicht hat es nur seine eigene Zeit gebraucht. Um zu beweisen, dass es Bestand hat. Damit ich es sehe. Damit der Lebenssupermarkt ein Etikett darauf kleben kann. Mit einer klickenden Maschine, die Klebestreifen spuckt und sabbert. Auf uns. Ein Etikett mit „Besonders haltbar!“ und das ganz ohne Konservierungsstoffe.
Vielleicht ist das auch alles gar nicht wahr. Vielleicht will die Zeit stillstehen, weiterhin. So, wie es ist. So, wie es vielleicht sein sollte. Wollte.

Aber es ist anders. Anders als zuletzt. Anders als im Gestern. Als das Heute noch berechenbar war. Jetzt, im Heute, wo das Gestern ein Fundament wird, gegossen, will es nicht mehr berechenbar sein. So wie ich. Ich bin nicht berechenbar, nichtmal für mich selber. Aber anders. Anders als im Gestern.

Im Gestern gab es keine Fragen, weil es nichts zu fragen gab. Im Heute, im unberechenbaren, da tauchen sie auf einmal auf. Niemand hat sie eingeladen. Niemand hat sie gebeten, sich einen Stuhl und Platz zu nehmen. Trotzdem sitzen sie da. Fragenwartezimmer, leises Tuscheln, aber niemand will sie aufrufen, die ungewollten Fragen. Ungewollte Fragekinder, ausversehen nicht abgetrieben, Zeitpunkt verpasst. ‚Herzlichen Glückwunsch, sie sind mit Fragendrillingen schwanger.‘ Ungewollt, verdammt.

Dann ist das eben so. Aber weisst du, was jetzt anders ist? Ich bin mutiger. Dann kriege ich sie eben, die Fragendrillinge. Ohne zu wissen, ob sie Totgeburten werden.
Dann muss ich sie eben aus mir hinauspressen. Und das will ich. Sie raushaben. Ich weiss um den Schmerz der Geburt, das ist nicht lustig. Und keiner da, der eine PDA verteilen wird. Kein glückseeliges Lächeln.
Nur so einfach ist das nicht. Schwänger mich nicht mit Fragen um dir dann nicht unter den Presswehen die Handknochen quetschen zu lassen. So einfach ist das nicht. Nicht mehr. Die Zeiten sind schneller geworden, die Fragen wollen raus, irgendwie. Nur schnell wollen sie das.

Mach dich auf die Geburt gefasst. Ich mache es auch. Und es wird keine 9Monate dauern, Fragenkinder sind schnellentwickler.

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