Was noch?

Während das Telefon in meiner Hand noch klingelt, sehe ich die Nummer auf dem Display an. Die Vorwahl kenne ich. Eigentlich ist es nicht mehr nötig, dranzugehen. Ich glaube, ich weiss, was kommt. Hab es im Gefühl. Schon den ganzen Tag. Manchmal weiss man es eher, obwohl man es eigentlich überhaupt generell gar nicht wissen möchte. Natürlich gehe ich trotzdem dran. Und behalte Recht.

Ungeplantes, Dazwischengekommenes, Unerwartetes. Natürlich.
Ich höre meiner Stimme die unnötige Schärfe an, die Arroganz, die Abwehr, die Distanz. Höre, wie ich Dinge sage, die eigentlich gerade an den falschen Adressaten gehen. Niemand ist verantwortlich für die Fehler der Vergangenheit. Trotzdem sind es eben diese Gespenster aus vergangenen Tagen, die mich unnötig kühl und deutlich werden lassen. Schneidend. ‚Hättest du mich sehen wollen, hättest du die Zeit gefunden. Irgendwie.‘
Ich weiss, das es weder fair noch gerechtfertigt ist. Höre am Klang seiner Stimme den kurzen Schreck, das Zurückweichen. ‚Aber eine Stunde oder zwei, zwischendurch, das ist mir zu wenig.‘ Eigentlich ein schöner Satz. Eine schöne Aussage. Trotz meiner unterkühlten Distanz. Die Worte erreichen mich nur nicht. Nicht die Worte, nicht der Satz, vielleicht nicht der Mensch. Wir beenden das Gespräch, ich zischend, er verunsichert.

Wie so oft wohnt zwischen Enttäuschung und Wut der Trotz. Ich wähle U.’s Nummer, knurre ein ‚Was machst’n du heut Abend?‚ in den Hörer. Sie weiss Bescheid, natürlich. Nach meiner Frage braucht es keine weiteren Fragen. Also gehen wir aus.

Wir drehen Runde um Runde im Viertel. Wie immer, keine Parkplätze. Irgendwann haben wir ein Stück entfernt Glück, in einer Seitenstrasse, irgendwo. Wir stellen den Wagen ab und laufen gemeinsam durch die Strassen, betrachten die Wohnungseinrichtungen hinter den hell erleuchteten Fenstern. Bemerken Konformität in all der versuchten Individualität. ‚Sowas Blödsinniges. Jetzt mal ehrlich. Dabei sehe ich heute so fantastisch aus.‘ Sie lacht während sie kopfschüttelnd weiterläuft.

Die Bar ist überfüllt. Kein Platz für uns, nicht am Tresen, nicht an den Tischen. Bleibt noch der kleine Hinterraum, mit den netten Sitzhockern und Bänken. Wir schieben uns durch die Menge, lächelnd, entschuldigend, kichernd. Die kleine Bank, passend für uns, seitlich an der Wand mit dem kleinen Tisch davor, ist frei. Wenigstens ein Teilerfolg. Bis zu dem Moment, als ich feststelle, wir sitzen in einer Gruppe Jungs, die gerade ausgesprochen angestrengt Bier trinkt und auf dem Fernseher über unseren Köpfen ein Fussballspiel verfolgt.
Es lässt sich schwer einordnen, ob sie angestrengter Trinken oder auf den Fernseher schauen.
Wir ordern ein Getränk im Wissen, es wird bei diesem einen Drink bleiben. Denn tuschelnd, lästernd und kichernd, fluchend und gestikulierend werden wir uns in dieser Runde sicher nicht beliebt machen.
Mal ehrlich, WAS noch?‚. Kopfschüttelnd eingewoben in ‚TOR‘-Ausrufe, Schiedsrichterbeleidigungen und Schwalbenfachsimpeleien leeren wir unsere Gläser, beschliessen den Rückzug in die Lieblingsbar. Garantiert ohne Fernseher.

Die Luft ist angenehm mild, die Stadt still. So laufen wir noch ein Stück durch die Strassen, bleiben an einer neuen Bar stehen. Betrachten die Karte. ‚Früher war hier doch mal eine spanische Tapas-Bar, oder?‚ Ich komme mir alt vor, während ich diesen Satz sage. Wenn ich beginne, von ‚Früher‘ zu reden und über Dinge zu sprechen, die mal waren, dann fühle ich mich meist alt. Seltsam. Als wären es verschiedene Leben. Andere Zeiten.

Ein Stück vor uns, am Strassenrand, hält ein Wagen. Eine junge Frau stolpert aus dem Fahrzeug, kichert, schwankt. Umständlich bedankt sie sich durch die offene Beifahrertür ins Dunkel des Wagens hinein, rudert mit den Armen, schlägt noch mitten im Satz die Tür zu um sogleich ihr Mobiltelefon darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie ganz fürchterlich betrunken sei. Das gequietschte ‚Niiihiiiils, ich KANN nicht reinkommen. Ich bin rotzevoll‚ hätten wir für diese Erkenntnis nicht gebraucht, es ist mehr als offensichtlich.
U. und ich sehen uns zum wiederholten Male an diesem Abend kopfschüttelnd an. ‚WAS noch?‚.
Ich habe kurz die Befürchtung, dem Mageninhalt der noch immer schwankenden Frau näher zu kommen als mir lieb ist. So wechseln wir die Strassenseite, setzen unseren Weg Richtung Auto fort, lassen sie noch immer in ihr Mobiltelefon lallend an der Wand gelehnt hinter uns zurück.

Später, in der Lieblingsbar, gibt es noch ein Stück Tresen für uns. Getränke ohne Fussball und betrunkene Frauen. Gespräche über voreilige Schlüsse, über eruptives Verhalten. Über Worte, die manchmal nicht fair sind. Über die Gespenster der Vergangenheit, über vielleicht vertane Chancen.
Der sonst so schüchterne Barmann lächelt als wir gehen, ‚Bis bald..‚. Ich sagte doch, ich sehe heute fantastisch aus.

4 Reaktionen zu “Was noch?”

  1. Tanja

    Solche Abende haben wir alle schon erlebt. Jedenfalls die unter uns, die älter als 9 sind. Ich will dich nicht aufmuntern aber ich sage dir trotz allem noch: das war gut so. Es war gut, dass du angerufen hast. Es war gut, dass du mit ihm telefoniert hast. Es war gut, dass du all das getan hast, wonach dir war. Auch, wenn sich dein Gefühl im Nachhinein bestätigt hat – wobei ich mir da noch nicht einmal so sicher bin. Das sagst du ja selbst.
    Weißt du, eigentlich sind diese besonderen Abende mit „Was noch“-Freundinnen-Gesprächen doch die Besten. Wir besinnen uns ein wenig. Überdenken vieles.
    Noch oft wird kommen: „WAS noch“. Jedes Jahr, jeden Tag. Immer und immer wieder. Und immer und immer wieder werden wir eine Antwort finden. Vielleicht nicht an diesem Tag und auch nicht in diesem Jahr. Aber sie kommt. Da kannst du dir sicher sein.
    Ich bin stolz auf dich, meine Liebe. Ganz ehrlich.

    Kaffee?

    P.S. Du siehst immer phantastisch aus.

  2. FrauVivaldi

    Und ich schließe mich da nahtlos an. Auch wenn ich nicht sicher weiß, dass Du immer fantastisch aussiehst – ich gehe fest davon aus!

  3. Nika

    Tanja, vermutlich hast du einfach Recht. Danke dir. Du hast das sehr schön gesagt.
    Beim P.S. würde ich schon wieder fast zum erröten neigen, hach.

    Auch Ihnen werte FrauVau einen herzlichen Dank ;-)

  4. Tanja

    Zusätzlich zum Erröten hätte ich dann gerne noch das Schüppchen. Das ist quasi unwiderstehlich. *g*

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