Vielleicht ist es die Nacht.

Vielleicht ist es die Nacht, in der man von solchen Erinnerungen, Fragmenten, erzählen kann. Vielleicht braucht es die samtige Schwärze, Stille und Leere. Die Leere, die der Nacht innewohnt, damit man solche Dinge in sie hineinlegen kann. Samtig schwarz und still.
Vielleicht kann man von solchen Dingen nicht am Tage erzählen. Wenn das Sonnenlicht die Schatten erhellt, der sanfte Wind die Erinnerungen davontragen mag.
Vielleicht braucht es die Nacht, davon zu erzählen.

Wir sitzen gemeinsam da, die Gespräche sind leicht und unterhaltsam. Wie es meist in dieser Runde ist. Aber das Lachen wird weniger, stiller. Das Gespräch langsamer. Erinnerungen, wie Sirup. Bittersüss.
C. beginnt von ihrem Bruder zu erzählen. Über ein Leben, einen Menschen. Geschwindigkeit. Schnell. Schon vor einiger Zeit sprach sie von ihm. In Vergangenheitsform. Schon vor einiger Zeit erfuhr ich in einem dieser Gespräche das er lange Zeit schon nicht mehr lebt.
Aber heute ist das erste Mal das ich das Gefühl habe, es ist die richtige Zeit um zu fragen. Zu fragen, was mit ihm geschah. Wie dieses Leben, sein Leben, ein Ende fand. Und ich frage. Heute das erste Mal. Sie sieht mich an. Für einen Moment schweigt sie. Ich schweige und warte. Sehe, dass sie für einen Moment zurückkehrt. Die Erinnerungen betrachtet. ‚Weisst du, manchmal ist es im Leben wie im Film.‘ Ja. Ich weiss.
Sie erinnert sich an die beiden Männer an der Tür. Ihre Mutter. Wie die fremden Stimmen von ihrem Bruder sprachen. Sie haben ihn gefunden. In einem Hotel. In Amsterdam. Heroin. Überdosis.
Sie sagt, sie habe immer gewusst, ihr Bruder würde nicht alt werden. Hat sein Leben in Hochgeschwindigkeit gelebt.

Immer wieder streifen solche Geschichten, Menschen, mein Leben. Berühren es am Rande. Schrammen an mir vorbei. Meist schweige ich dazu. Weiss zu gut, wie sich das anfühlt. Das schnelle Leben. Menschen mit dieser Geschwindigkeit. Wenn man mir von solchen Menschen erzählt, wenn so ein Leben am Rande das meine streift, schwingen da Erinnerungen in mir. Wie die Saiten einer Harfe die leise klingt. Die für einen Bruchteil eine Melodie anspielt, die in diesem Moment nur ich höre.

Es ist, als würde es immer wieder passieren, weil es mir etwas sagen will. Mich daran erinnern will. Daran erinnern, wie richtig diese Entscheidung war. Wie richtig es war, früh genug, für mich, zu entscheiden. Es war seine Leere. Seine schmerzende Sehnsucht, die es zu füllen galt. Nicht meine. Nie meine. Es war nicht mein Leben, nicht meine Leere, nicht mein Schmerz. Ich hatte ihn nie, habe ihn nur in ihm gesehen, gefühlt. Irgendetwas in mir hat immer gewusst, das wird nicht dein Weg. Da ist keine Leere, die du mit der Droge, dem so gnadenlosen Rausch anfüllen musst. Willst. Wollte ich nie. Und ich hatte Angst vor der Chemie, der Unberechenbarkeit. Vor dem Ausgeliefertsein. Dem Kontrollverlust.

Vielleicht ist es die Nacht, in der man von solchen Erinnerungen, Fragmenten, erzählen kann. Vielleicht ist es der Tag, an dem man diese Bilder dann noch einmal ansehen kann. Noch heute träume ich manchmal davon. Nach all den Jahren. Es ist so lange vorbei. Manchmal fühlt es sich an wie ein fremdes Leben. So weit weg ist es. Dennoch gehört es zu mir. Vielleicht ist es die Nacht, in der man davon erzählen kann. Nur schweigt nicht.

1991

Es ist still. Ich drehe meinen Kopf ein Stück zur Seite. Deine Augen sind fest geschlossen, dein Atem geht flach und gleichmässig. Für einen Moment beruhigt es mich. Ich suche deine Nähe, die Wärme deines Körpers. Mein Schädel randaliert. Randaliert zu Recht nach dieser Nacht. Ich habe keine Ahnung wie spät es ist. Aber das ist auch nicht wichtig, war es nie. Ich streiche dir eine Strähne der Dreadlocks aus dem Gesicht, die ich so mag. Sie verleihen dir etwas fröhliches, fragglehaftes. Ich lächele und löse mich vorsichtig von dir, auch wenn mir bewusst ist, das ich dich kaum wecken könnte. Du bist noch auf der Reise.

Der Gedanke an einen frischen Kaffee im noch stillen Haus treibt mich aus dem Zimmer. Später werde ich dazu keine Gelegenheit mehr haben, es wird nicht mehr lange dauern bis die ersten ihren Kater ausgeschlafen haben. Mir ist heute morgen nicht nach den üblichen Day-After-Gesprächen. Will nicht hören, wer am Ende der Nacht übrig blieb. Ich öffne die Tür und gehe die ersten wackeligen Schritte durch den Flur.

Das alte Bauernhaus ist grosszügig und bot einst Raum für eine grosse Familie. 2 Generationen lebten unter diesem Dach, so ganz anders als wir. Im oberen Geschoss ist es noch immer still, die Treppe schlängelt sich einsam hinauf. Ich stelle mir vor, wie die Kinder einst dem Ruf der Grossmutter aus der Küche folgten. Wie sie lachend und polternd hinabgerannt kamen.

Der Schlag trifft mich unvermittelt und völlig unvorbereitet. Er ist kraftvoll und brachial, reisst mich aus dem Gleichgewicht. Ich schlage hart mit der Schulter an die Mauer, die das Geländer nach oben begleitet. Sein Griff wirbelt mich herum, schlägt mich mit dem Rücken an die Wand. Er ist mir körperlich überlegen, keine Chance. Mit dem einen Arm presst er mich weiter an die Wand, seine andere Hand umklammert mein rechtes Handgelenk ähnlich einem Schraubstock. Ich schliesse für einen Moment die Augen, hole Luft. Das Atmen hatte ich vergessen, setzte einfach aus, gelähmt von ureigener Angst.

Nie zuvor wusste ich, wie sich wirkliche Angst anfühlt. In diesem Moment wird es mir bewusst. Ich sehe in sein Gesicht. Noch hat niemand ein Wort gesagt, gestern haben wir noch gemeinsam gefeiert. Aber jetzt ist er so weit weg, wie er nur sein könnte. Seine Augen sind glasig, die Pupillen starr. Sein Blick flackert unruhig, kein Anzeichen des Erkennens lässt sich finden. So verzweifelt ich auch in seinem Blick das Bewusstsein suche, es ist verschwunden. Sein Griff ist unnatürlich warm und feucht. Ich versuche meine Hand aus seinem Griff zu winden, aber er atmet nur schwerer, keucht, gibt nicht nach.

Im Augenwinkel sehe ich sie glitzern. Hatte sie schon vorher wahrgenommen als er mich herumwirbelte. Die Klinge ist blutig. Seine Hände sind blutig. Mein Shirt ist blutig. Ich spüre, wie das Blut hindurchsickert. Hindurchsickert auf meine nackte Haut. Mein Magen krampft sich zusammen. Mir wird übel. Ich spüre, wie meine Augen sich mit Tränen füllen. Wie sie sich ihren Weg über meine Wangen suchen. Geräuschlos hinunterlaufen. Auf seinen Arm tropfen. Ich bin nicht in der Lage, mich zu bewegen, irgendetwas zu tun, ein Wort hervorzubringen. In meiner Kehle wohnt ein Tier, das all die klugen Worte frisst.

Er lässt mich los. Einfach so. Ohne ein Wort. Wendet sich ab, geht den Flur entlang. Meine Beine haben genug und verweigern den Dienst. Ich rutsche langsam mit dem Rücken die Wand hinab, würge. So bleibe ich hocken, kotzend, zitternd, weinend. Unfähig, etwas dagegen zu tun. Wie lange weiss ich nicht. Es ist nicht mehr wichtig. Ich habe alle Zeit der Welt.

1992

Der Vorhang bewegt sich leicht im Wind, das erste Tageslicht scheint einen klaren und schönen Tag ankündigen zu wollen. Die Luft ist klirrend kalt. Ich ziehe die Bettdecke enger um mich, geniesse die Wärme darunter. Idyllisch könnte der Moment sein. Wäre dein Atem weniger flach, deine Augen weniger glasig. Ihr Braun war warm. Warm wie das Gefühl unter meiner Decke. Aber das ist lange her, zu lange. Ich muss mich nicht wie in einem schlechten Film bemühen, geräuschlos in meine Sachen zu schlüpfen. Kann das, was es noch wert ist mitgenommen zu werden, in meiner Tasche verpacken ohne dich zu fragen. Dein Blick folgt mir nicht mehr. Ich verlasse den Raum. Eine letzte Dusche. Ein letzter Kaffee. Mit dem dampfenden Becher sinke ich auf die Treppenstufen am Hauseingang. Es ist still. Innen und Aussen.

Der Schuppen zu meiner rechten ist von den Jahreszeiten zerrüttet. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sich eine Bewegung aus seinem Schatten löst. Ich muss nicht hinsehen um zu wissen, das er kommen wird mich zu verabschieden. Als ich sein warmes Fell an meiner Hand spüre, den leichten Druck als er sich neben mir niederlässt, zweifele ich einen Moment an meiner Entscheidung. Er ist der einzige Grund der mich noch bleiben lassen könnte. Wir haben ihn damals auf den Namen Wolf getauft. Als Welpe war sein Fell buschig und grau, tollpatschig war er. Heute hat sein Kopf das Ausmass eines Bärenschädels, sein Fell ist hell und er reicht mir bequem bis zur Hüfte. Er war immer mehr mein Hund als deiner, folgt mir auf Schritt und Tritt, ist immer da. Seine Schwester ist ungestüm und wild, wie du.

Wenn ich noch länger hier sitzenbleibe, das Gefühl stillen Vertrauens an meiner Seite, werde ich nie gehen. Bringe meine Kaffeetasse in die Küche, greife im Flur meine Tasche. Noch immer kein Geräusch von dir, kein Zeichen das du wahrnimmst, das ich gehe. Den letzten Blick erspare ich mir, muss mir über deinen Zustand nicht mehr klarer werden.

Der Hund hat an der Tür gewartet, scheinbar im Wissen darüber, das er mir diesmal nicht folgen können wird. Sein Platz ist hier, meiner war es. Meine Hand streicht ein letztes Mal über seinen Kopf. Als wollte ich zum Abschied ein wenig der vergangenen Wärme mit mir nehmen. Bei jedem Schritt der mich Stück für Stück von hier, von dir, von diesem Leben wegbringt, wird der Drang mich ein letztes Mal umzudrehen, weniger.

Unzählige Schritte später, jeder begleitet von einer Erinnerung, einem Bild, einem Moment, erreiche ich das Ende der Strasse. Vor dieser Kurve wäre es die letzte Möglichkeit, noch einmal einen Blick zurück zu werfen. Ich habe nicht mehr zurückgesehen.

8 Reaktionen zu “Vielleicht ist es die Nacht.”

  1. aebby

    Guten Morgen,

    seltsame Zeit in der man sich so virtuell zuhört, ich bin hier als erster wach genieße den ruhigen Samstagmorgen, sitze hier mit einem großen Becher Kaffee und lese ein zweites und drittes Mal.

    Virtuelles Zuhören … es ist ganz anders, beim realen Zuhören würde ich konzentriert schauen wahrscheinlich den KOpf etas schief halten und gelegentlich eine vorsichtige Frage stellen.

    Der Abschnitt mit der Leere … oft ist eine Leere zu spüren, das Gefühl kann leicht übermächtig werden und den Blick auf die eigene Fülle verstellen, so gehts mir manchmal … und was ich gelernt habe, kein Mensch kann die Leere eines anderen mitfüllen … am Ende sind beide leer … was sind richtige Entscheidungen? Ich glaube nicht dass es richtige oder falsche Entscheidungen gibt – das Leben ist keine Rechenaufgabe. Es war aber eine gute Entscheidung im reinsten Sinn des Wortes.

    Ich wünsche Dir für heute einen guten Morgen, mit einem großen Becher Kaffe mit der genau richtigen Konsistenz und Temperatur.

    lg Aebby

  2. lightdot

    Puh.

    Ich könnte und vielleicht sollte noch viel mehr dazu schreiben. Aber ich kann nicht. Und ich will nicht. Genau wegen dieses „Bruchteils einer Melodie, die in diesem Moment nur ich höre“. Vielleicht wenn es Nacht wäre…

    Der Text ist groß. Und er wirkt. Aber ich glaube, das weißt Du.

    P.S. Es ist lange her. Du hast mir unter einem Bild – weißt Du noch? Der Baum, die Bank mit der Frau und der Hund – die ersten leisen Töne hingeschrieben. Obwohl wir uns gar nicht kannten. Ich war damals ziemlich ergriffen. Und ahnte nicht, zu welcher Synphonie die Töne gehören. Jetzt weiß ich es. Danke fürs hören lassen.

  3. Nika

    Aebby, du hast da etwas sehr Wahres und Richtigs gesagt.
    „…und was ich gelernt habe, kein Mensch kann die Leere eines anderen mitfüllen … am Ende sind beide leer
    Ich denke, das war, was ich instinktiv gewusst habe. Das ich diesen Menschen, diesen Ort, dieses Leben, hinter mir lassen muss. Weil es mich ausgesaugt hätte. Ich war 16, als ich ging 17. Früh genug um ohne Schäden aber mit Erfahrungen und Bildern zu gehen, die ich nicht vergesse.

    Judith, ich habe heute Nacht, als die Erinnerungen nach dieser Unterhaltung hochschwappten und ich irgendwie fand, vielleicht ist es jetzt Zeit diese Erinnerungen auch hier hin zu holen, tatsächlich kurz an dich gedacht.
    Ich erinnere mich gut an dieses Bild. Den Baum. Die Bank. Deine Worte über den Hund, den du vermisst hast. Danke für das Kompliment, es hat mich gefreut, das meine Bilder ankommen konnten.

    Danke euch beiden fürs Zuhören und vor allem für die Worte. Es gibt Geschichten und Erinnerungen, die würde ich ungern in ein Schweigen bloggen. In eine Leere.
    So aber ist es gut.

    Kaffee für alle ;-)

  4. aebby

    > So aber ist es gut.

    gut :-)

    > Kaffee für alle ;-)

    auch das ist gut. ;-)

  5. lordfoltermord

    Hoffentlich stört es Dich nicht, dass ich diese Geschichte auch gelesen habe. Ich glaube, nachvollziehen zu können, was Du damit zum Ausdruck bringen wolltest. Immerhin, Du bist jetzt hier, es scheint Dir leidlich gut zu gehen und es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die sich darüber freuen.

    Sei froh darüber, dass Du Deinen guten Instinkten gefolgt bist.

    Es müsste mehr Nächte geben mit Ohren die zuhören können, ohne allzuschnell zu bewerten und Händen, die sich einfach auf die eigenen legen. Und Seelen, die die Kälte nehmen…

  6. Nika

    =) natürlich stört es mich nicht im Geringsten, dass du es gelesen und kommentiert hast. Ich mag Kommentare. Ich blogge ungern in ein Schweigen. Gerade solche Geschichten sollten nicht in Stille verhallen. Finde ich.
    Ausserdem hätte ich ja auch noch die Möglichkeit, die Kommentarfunktion einfach abzuschalten, wenn ich es doch lieber in Schweigen gehüllt wüsste. Solange ich das also nicht tue, mag ich auch Kommentare.

    Und ja, mein Instinkt war zu dieser Zeit gut und es war wichtig, auf ihn zu hören. Und zu gehen. Wenn du auf die Jahreszahlen blickst, wird denke ich auch klar, wie weit es von meinem Leben entfernt ist. Das ist gut so. Aber Erinnerungen, Bilder, Emotionen, das alles bleibt. Und hoffentlich etwas, was man daraus gelernt und mitgenommen hat.
    Somit geht es mir heute gut, in der Tat. Ob sich da wirklich alle drüber freuen sei dahingestellt *muhahaha*

    Danke für die Worte.
    Und ja, es müsste manchmal wirklich mehr solcher Nächte geben. Vielleicht muss man tatsächlich öfter von solchen Dingen erzählen. Ihnen Raum geben. Denn nur wenn man sie erzählt, können andere zuhören und vielleicht selbst erzählen…

  7. FrauVivaldi

    Nika, alles Wichtige und Gute ist schon gesagt worden über diesen wunderschönen Beitrag.. ich sag einfach nur danke!

  8. Nika

    Vielen Dank für die Worte, FrauVau =)

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