Gehörte Tage.

In meinem Kopf herrscht Krieg. Er ist schon da, als ich aufwache.
Kleine Äxte schlagen sich durch den Dschungel meiner linken Hirnhälfte.
Ein Bombenteppich aus den Flugzeugen regnet hinter meinen Augen herab, das Licht schmerzt.
Millionen Soldaten maschieren im Gleichschritt über meinen Hörnerv. Er schwingt, er vibriert bei jedem von Aussen herangetragenen Geräusch zusätzlich. Mein Magen ist ein übergrosses Aquarium. Bei jeder Bewegung schwappt es, plätschert es. Es dauert Minuten, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist, die Millionen Liter Flüssigkeit endlich wieder still sind, nur kleine Wellen an die Magenwände schwappen und warnen vor der nächsten Bewegung, bereit sind sich sofort wieder zu meterhohen Brandungswellen aufzutürmen die mir Übelkeit verursachen.

Nur stillhalten. Aushalten. Nur im Dunkeln sein. Nur hören.
Hören ist das einzige, was funktioniert. Ein bisschen. Wenigstens.
So ist die Welt in meinem Ohr, an so einem Tag.
Die Zeit ist zäh, an so einem Tag. Die Welt dreht sich, dreht mich mit, wie ich bewegungslos nur anhand ihrer Geräusche als passiver Zuhörer teilnehme.

Draussen auf einem Ast des Baumes streiten zwei Vögel. Sie bewegen sich vor und zurück auf dem Ast. Vor und zurück. Das Zwitschern kommt in Wellen herein durch den schmalen Spalt des angelehnten Fensters. Ich kann ihre Krallen leise kratzen hören auf der Rinde des Baumes.
Im Haus geht eine Toilettenspülung.
Eine Tür.
Schritte im Hausflur. An meiner Wohnungstür vorüber. Jemand stösst mit einem Schlüssel an das metallene Geländer. Es schwingt noch länger nach, während die Schritte sich im Haus hinunter bewegen. Die Haustür fällt ins Schloss, das Geländer ist still geworden.

Die Schritte bewegen sich durch den Innenhof, am Baum vorbei, sie knirschen auf den Steinen.
Die Vögel im Baum halten für einen Moment inne, kein Zwitschern, kein Kratzen ihrer Krallen auf der Rinde.
Die Schritte gewinnen an Höhe, Nähe. Jemand geht die Treppe hinauf zum Parkplatz.
Stösst mit dem Fuss einen Stein an, er rollt die Treppe hinab, kommt zum Erliegen. Irgendwo auf halber Treppe.
Ein Schlüssel klimpert, eine Wagentür wird geöffnet, sie quietscht leise, müsste mal geölt werden, fällt dann mit einem satten Geräusch zu.
Die Vögel haben wieder begonnen zu zwitschern, der Motor wird angelassen.
Die Schranke des Parkplatzes ächzt. Der Wagen verlässt den Parkplatz, passiert die Schranke, die sich einen Moment später wieder schliesst. Ich kann hören, wie die Stange auf der Halterung wieder zum Erliegen kommt, anschlägt auf dem Metall. Das Motorengeräusch entfernt sich, die Strasse hinunter, die Kurve verschluckt langsam das Brummen, es verebbt.

Frau S. nebenan erhebt die Stimme, ist ungehalten, laut. ‚Musst du eigentlich immer das letzte Wort haben?‚ In letzter Zeit kommt es zwischen Mutter und Tochter öfter zum Streit. Sie wird trotzig, gibt ihrer Mutter Widerworte, testet Grenzen. Ihre Tochter antwortet etwas, das ich nicht verstehe, auch Frau S. spricht nun wieder leiser, nur ein Gemurmel, Stimmengewirr kommt bei mir an. Eine Tür schliesst sich, Frau S. ruft noch einmal den Namen ihrer Tochter, ohne Antwort. Die Tür bleibt geschlossen. Frau S. gibt auf. Wendet sich scheinbar dem Mittagessen zu. Eine Schublade wird energisch geschlossen. Wasser läuft. Erneutes Öffnen einer Schublade, Besteck. Es klimpert.

Im Haus gegenüber lässt jemand die Aussenrolladen herunter, die Sonne steht nun auf den Fenstern, es wird warm.
Eine Balkontür quietscht.
Ohne es zu sehen, weiss ich, dass der Nachbar von gegenüber zum Rauchen auf den Balkon gegangen ist. Er raucht immer auf dem Balkon. Steht dann schweigend da, immer auf der selben Stelle, an der Ecke. Auch Abends, ich sehe oft nur die kleine Glut im Dunkel aufleuchten. Ein verlässliches Glühwürmchen, jeden Abend.

Schritte auf der Treppe zum Haus gegenüber. Fast im Gleichtakt, trotzdem kann ich hören, dass es 2 Personen sind. Ein Schlüssel klimpert, kratzt am Schloss der Haustür, etwas raschelt in scheinbar ungeduldiger Bewegung, vielleicht eine Jacke. Oder eine Tasche. Die Tür öffnet sich, Schritte, sie schliesst sich wieder. Verschluckt die Schritte, nur noch gedämpft sind sie zu Erahnen.
Ich frage mich, ob es das Paar aus der Wohnung links oben ist. Deren Balkon meinem fast gegenüber liegt. Deren Fenster meinen fast gegenüber liegen.
Das Paar, das scheinbar nie miteinander spricht. Sie wohnen seit etwas über einem Jahr dort drüben in der Wohnung. Vor ihnen wohnte ein Paar mit ihren Kindern dort. Wir kannten uns aus Schulzeiten. Damals, als sie noch kein Paar waren. So gab es immer mal ein ‚Hallo‚ und ‚Wie geht’s?‚ quer durch den Innenhof. Oder ein von der Tochter gekrähtes ‚Guck mal, ich hab ne neue Puuuuuppe!‚ während sie auf Zehenspitzen stehend mit eben dieser über das Balkongeländer wedelte.
Jetzt herrscht Stille zwischen den Balkonen. Weil das Paar von gegenüber nichteinmal miteinander redet. Seit sie dort wohnen, sah ich nie, dass sie miteinander sprachen. Manchmal, am Wochenende, frühstücken sie auf dem Balkon.
Während ich sie in der Küche Dinge aus Schränken holen sehen kann, trägt er Besteck und Gläser und den Brotkorb hinaus. Stellt die Dinge auf den Tisch. Setzt sich. Dann tritt sie hinaus, setzt sich. Sie frühstücken. Manchmal steht er dann auf, geht hinein, kehrt mit einer Zeitung zurück, setzt sich wieder, liest. Irgendwann räumen sie den Tisch ab, tragen all die Gegenstände wieder hinein, er kehrt zu seiner Zeitung zurück, sie verschwindet in der Küche. Aber immer ohne eine Wort.

Ein tiefes Brummen schiebt sich langsam den Berg hinauf. Wird lauter, dröhnend. Noch immer langsam. Das Brummen wird zu einem satten Blubbern. Die Harley. Der Nachbar vom Haus oben an der Parallelstrasse. Im Sommer mäht er den schmalen Rasenstreifen neben seinem Haus. Immer mit freiem Oberkörper. Sein rechter Arm ist tätowiert, trägt einen zünftigen Sleeve. Passend zu seiner Harley. Als die Maschine vor das Garagentor lenkt hallt das Brummen verstärkt vom Metall des Tores über den Parkplatz, schwappt durch mein Fenster, schraubt sich in meinen Gehörgang. Verebbt, es wird wieder still. Für Minuten. Nur die Vögel zwitschern noch immer. Es bleibt eine ganze Weile still. Irgendwann, zwischendurch, mischt sich das Krächzen einer Elster zum Vogelgezwitscher. Dann wieder Stille.

Die Schranke vom Parkplatz ächzt erneut. Reifen knirschen, der Wagen steuert einen der hinteren Parkplätze an, rollt an meinem Kopf vorüber, das Motorengeräusch verebbt in einem dunklem Brummton. Eine Autotür öffnet sich. Jemand läuft um den Wagen herum. Etwas quietscht. Dann Rascheln, Flaschenglas klirrt aneinander. Das Quietschen war die Heckklappe, die jetzt mit einem energischen Schwung zugeworfen wird. Danach die Autotür.
Schritte auf der Treppe. Sie verharren nach einigen Stufen. Jemand spricht leise, sanft, ich verstehe nur Fragmente. ‚Na du‚ und ein ‚Mmmhhhh‚.
Ich vermute, der grosse schwarz-weisse Kater liegt wieder auf dem Absatz auf der Hälfte der Treppe in der Sonne. Er gehört in das Haus gegenüber, zur Wohnung links unten. Er liegt oft dort in der Sonne und lässt sich kraulen wenn jemand vorüber kommt. Er rollt sich auf den Rücken und maunzt auffordernd. Das Maunzen höre ich auch jetzt. Hatte ich also Recht. Gleich wird er aufstehen und demjenigen, der auf dem Weg nach Hause ist, noch einige Meter durch den Innenhof folgen. In der Hoffnung, doch noch einmal gekrault zu werden. Gelingt das nicht, bleibt man nicht noch einmal stehen, gibt er irgendwann auf und kehrt zurück an seinen Platz in der Sonne. Und wartet auf den Nächsten, der an ihn vorüber will.

Über das Maunzen des Katers schlafe ich irgendwann ein und mit mir der Krieg in meinem Kopf.

14 Reaktionen zu “Gehörte Tage.”

  1. aebby

    Geräusche werden zu Bildern dann zu Worten und beim Lesen wieder zu Bildern …

  2. lordfoltermord

    Nun, zumindest hat die Migräne (die ich mal als Kriegstreiberin in Deinem Kopf vermute) dazu geführt, dass Du dich auf einen Sinneseindruck reduzieren konntest und anderen damit einen wunterpar plastischen Eindruck eines Tages vermittelt hast.

    Das alte Spiel: Künstler müssen leiden, damit sich die Allgemeinheit daran ergötzen kann…

  3. Nika

    Aebby, freut mich das die Worte wieder zu Bildern geworden sind…

    Frosch, der Migränetipp war richtig, ja. Aber sonst finde ich dich grad ein bisschen gemein, echt jetzt. Wenn ich dafür diesen Krieg im Hirn loswerden würde, erkläre ich mich durchaus bereit in regelmässigen Abständen lediglich hörend einen Tag im Bett zu verbringen.
    (Obwohl ich ehrlich gesagt nicht weiss, ob ohne diesen angespannten Hörnerv und die Geräuschempfindlichkeit überhaupt soviele Details durchklingen.)
    Der Rest von deinem Kommentar gefällt mir dann aber doch wieder ;-)

  4. Tanja

    So muss sich ein Blinder fühlen.

  5. lordfoltermord

    Wieso muss ich hier eigenttlich jedesmal Name und E-Mail-Adresse eingeben, um kommentieren zu können? Fehlendes Vertrauen oder alzheimergebeutelte Homepage, hä????

    Ich kenne auch noch andere Leute, die unter Migräne leiden, weiß – wenn auch gottseidank nicht aus eigener Erfahrung – dass das absolut kein Spaß ist und wünsche Dir, dass Du so oft und lang wie möglich davon verschont bleibst. Immerhin hast Du aber das Beste daraus gemacht und Anderen einen faszinierenden Einblick darüber gegeben, wie man einen Tag auch empfinden kann. Andere wollen in solchen Stunden einfach nur tot sein oder im Koma liegen…

  6. nadja

    du kannst soooooooooooooooooo toll schreiben!!

  7. Nika

    Herr Dreckfrosch, gezz hömma. Du kannst nicht der Website alzheimereskes Verhalten unterstellen nur weil du vermutlich befürchtest, auf Grund deines fortgeschrittenen Alters irgendwann dein Login zu vergessen. Mannmannmann.
    Aber Migräne ist wirklich nicht witzig. Manchmal fühlt man sich dabei in der Tat mehr tot als lebendig.

    Nadja, danke schön ;-)
    Wenn’s dir gefällt, nimm dir einen Kaffee und hab Spass. Es gibt ja ne Menge zu lesen hier. Manches davon könnte sogar unterhaltsam sein, wenn auch sicherlich nicht alles. Aber den Anspruch hat der Blog auch nicht.

  8. nadja

    ja, ab und zu mache ich genau das… was ich mir manchmal wünshe (weil ich den ganzen Tag auf meine Bildschirm starre), wäre ein Nikas-Stimme-im-Ohr-Plugin, sprich deine Texte von dir vorgelesen. ich weiß, das wäre zu viel Luxus, aber ich bin halt verwöhnt…

  9. Nika

    Haha, hör mir auf mit vorlesen. Also nein, eigentlich natürlich nicht. Ich mag das. Ich habe meiner besten Freundin zu Weihnachten ein Hörbuch geschenkt. Dieses Buch, um das es geht, gab es nicht als Hörbuch. Aber sie mag Hörbücher, aus Gründen und so habe ich es gekauft und habe es komplett vorgelesen. Und verschenkt.

    Ausserdem kannst du mich hier im Blog sogar lesen hören. Wir hatten mal diese hübschen Soundfiles hochgeladen, wo jeder etwas vorlas. Sehr schöne Geschichte. Und sicher nicht das letzte Mal.

    Hörmal [hier jetzt Werbejinglemusic], Superangebot! Ich hab heute einen guten Tag.
    Such dir einen aus. Ganz exklusiv. Ich lese ihn ein und lad ihn hoch.
    [Stimme aus dem Off: Bob! Das ist unglaublich! Und so günstig!]

    Für das schöne Kompliment drüben bei dir, eben, das mich wirklich gefreut hat. Quasi als Danke.

  10. nadja

    so. jetzt hab ich tierisch viel geschrieben, aber nicht verraten, wer ich bin, und der text ist weg. aus meinem kurzzeitgedächtnis, gestützt duch die it kraft meines denkkissens kommt hoch:

    http://blog.neuronalestaumeln.de/?p=268

    und dass ich irgendwann noch lernen werde, so elegante links zu basteln, wo kleine buchstabensuppenschüsseln zwischen >>> und <<< eingeklemmt werden….

    ich bin total aufgeregt, echt jetzt. so was weihnachtliches mitten im sommer, inklusive jungle bells…

  11. Nika

    Îch werde dir zwar Jingle Bells nicht vorsingen, das kann keiner wollen und würde vermutlich gegen die Genfer Konvention verstossen, aber ich lese es dir vor, ja.
    Versprochen ist versprochen.
    Wenn mein Job mir kein Strich durch die Rechnung macht, der Stau mich nicht des letzten Nerves beraubt, lese ich es dir heute Abend ein und lade es hoch.
    =)

  12. nadja

    ich glaub, ich hab jetzt schon einen orgasmus…

  13. Nika

    Vielleicht sollte ich dann doch eine 0190er-Vorwahl für meinen Blog einrichten? Mon dieu, was ich alles kann ;-)

    Ich hoffe jetzt nur, du traust mir lesend nicht zuviel zu. Ich würde dir den Orgasmus ungern ruinieren, das ist so unschicklich.

  14. nadja

    ach was, was ich bereits hatte, kannst du mir nicht mehr wegnehmen :-)

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