Heimat? Heimat!

Tilla fragt nach Heimat. Dem Gefühl Heimat. Erst wollte ich ihr spontan in den Kommentaren dazu antworten, doch dann kam die Flut. Die Flut der Erinnerungen, Bilder, Gerüche. Da wollte ich meine Heimat dann bei mir haben. Hier.

Ich reise unglaublich gern. Die Neugier treibt mich an, fremde Orte und Menschen machen mir Freude. Immer wieder. Wenn ich unterwegs bin, habe ich selten Heimweh. Überwiegend reist man mit Menschen, die man mag und deren Anwesenheit sowas wie ein Stück mitgeführte Heimat ist. Aber wenn ich dann meine Sachen einpacke, auch all die neuen Eindrücke, dann steigt die Freude in mir auf. Heimat ist für mich dieses Kribbeln, wenn ich weiss, bald werde ich zurück sein.

Wenn ich mit dem Wagen unterwegs war, gibt es bei der Rückkehr immer den Moment, auf irgendeiner Autobahn, wo ich am Seitenstreifen dieses Schild sehe. ‚Ruhrgebiet‘. Und immer, immer wieder, höre ich meinen eigenen, wohligen Seufzer wenn es an mir vorrüberzieht. Ja. Das ist meine Heimat. Wenn die Autobahn über diese leichte Anhöhe führt, man die Kuppe erreicht und dann vor mir die alten Zechentürme in den Himmel ragen, dann ist da dieses Heimatgefühl. Die Fördertürme gehören zu mir. Mit ihnen bin ich in den Tiefen dieser Region verwurzelt.
Meine Grosseltern lebten in einer diesen Zechensiedlungen. Wenn ich nach Hause komme, die Türme ansehe, dann höre ich das Lachen meines Grossvaters und sein ‚Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann?‘. Denn darüber können Zechenkinder nur lachen, laut und hell. In klassischen Zechensiedlungen sitzen die Frauen vor den Häusern, warten auf ihre Männer, dass sie aus dem Herzen der Erde zurückkehren. Als Kind lief ich durch die Gärten, mit den anderen Kindern und Enkeln der Zechenarbeiter. Ich werde nicht vergessen, wie Kohlenstaub auf der Haut riecht. Wenn mein Opa nach Hause kam, mich lachend an sich drückte, während meine Oma mit dem Kopf schüttelte. Sah ich doch danach genauso aus wie er. Der Geruch von Kohlenstaub, das ist Heimat.

Heimat, das sind die Wälder hier. Heimat, das ist der kleine Bachlauf, aus dem ich die Kaulquappen stolz mit nach Hause brachte. Heimat ist die Erinnerung, wie der Drachen in der Luft zittert und im Wind pfeift, während mein Bruder und ich uns darum streiten, wer ihn halten darf.

Vor ein paar Tagen kam ich Abends aus dem Büro, nach der üblichen Qual durch den Baustellenstau auf der Autobahn. Müde. Ich fuhr die letzten Meter durch mein Heimatdorf. Froh, endlich angekommen zu sein. Wollte nur noch auf mein Sofa.
Am Strassenrand stand M., mit ihrer kleinen Tochter an der Hand. Wir kennen uns seit über 20 Jahren, gingen zusammen zur Schule. Sie ist eine meiner besten Freundinnen. Wohnte eine zeitlang ein paar Kilometer entfernt. Aber dann wollte sie wieder nach Hause. Mittenhinein in das Dorf, in dem wir gemeinsam aufgewachsen sind. Wollte, dass ihre kleine Tochter so gross werden kann wie wir.
Ich hielt neben ihr, liess die Scheibe herunter, die Kleine krabbelte mir ins Fenster und schlang ihre kleinen Arme um meinen Hals. Wir lachten und alberten, ihre Tochter erzählte mir stolz, dass sie heute das erste Mal allein zu Oma und Opa gehen durfte. Ich kenne jeden Stein auf dem Weg zu M.’s Eltern, lief ich ihn selber so oft mit ihr gemeinsam. Wir blockierten noch einen Moment die schmale Strasse im Dorf bis jemand hinter mir entschlossen „Hömma, gezz fah‘ ma‘!“ rief. Denn Frau T. wollte auch nach Hause. Frau T. hat mit ihrem Mann bis vor wenigen Jahren hier den winzigen Lebensmittelladen betrieben. Samstagmorgens, wenn im Sommer mal die Milch gekippt oder die Butter ausgegangen war, schickte mich meine Mutter mit einem Beutel und Geld in dieses Geschäft. Herr T. winkt mir heute noch, wenn ich durch das Dorf fahre und wir uns begegnen. Genauso Frau K., die lächelt wenn ich eine bestimmte Sorte Blumen bei ihr im Laden kaufe. Sie weiss, dass meine Mutter sie so gern mag und bittet mich dann immer, doch schöne Grüsse auszurichten. Das ist meine Heimat.

Einmal im Jahr gibt es hier ein Stadtfest. Das Übliche. Ein kleiner Markt dazu, Bühnen für die verschiedenen Musik- und Sportgruppen, Aufführungen für die Kinder, Bierbuden und Waffelstände. Oft treffe ich dann Menschen, die ich manchmal Jahre nicht sah. Die in andere Städte zogen, anfangs für Studienplätze, heute für Jobs. Ich weiss nicht, wie oft ich den Satz gehört habe „Ja, ich bin wieder zurück. Ich wohne wieder hier. Es fehlte halt doch was.“. Sie kommen alle wieder. Vielleicht ist das Ruhrgebiet besonders heimatverbunden, wer weiss. Auch mein Bruder lebte wenige Jahre in einer anderen Stadt. Heute wohnt er, wie auch meine Eltern, nur ein Stück von mir entfernt. Mit seiner Frau und meinem Neffen, dem Raketenkind und ich bin unglaublich froh, weil ich weiss, er kann aufwachsen, so wie ich. Mit einer Heimat im Herzen.

Heute wohne ich in einem Haus am Ende einer Sackgasse. Nicht weit entfernt von meinem Elternhaus. Früher waren hier die Felder von Herrn T, dem Mann mit dem Lebensmittelladen, auf dem seine Pferde standen. Dahinter Wiesen, ein Feldweg, Obstbäume. Und eine alte Trauerweide. Zur Weide zu gelangen erforderte immer wieder Mut, denn Herr T. hatte einen ausgesprochen grossen und schlechtgelaunten Hund. Es war immer die Frage, ob das Tor zum Hof geschlossen war oder nur noch Rennen half. Der Hund biss nie jemanden, trotzdem hatten wir einen Heidenrespekt vor diesem kläffenden Geschoss. Unter den Zweigen dieser Trauerweide sassen wir so oft im Regen, auf alten Sofas. Die Zweige waren dicht genug, den Regen abzuhalten. Dort hockten wir dann in diesem leisen Rauschen, mit den Äpfeln, Birnen, Kirschen oder Pflaumen von den Bäumen rundherum.
Heute steht an diesem Platz, mit dem ich soviele wunderbare Tage verbinde, dieses Haus in dem ich wohne. Geht mehr Heimatgefühl?

15 Reaktionen zu “Heimat? Heimat!”

  1. Tilla Pe

    Hm.
    Haste schön geschrieben – ich hatte das Gefühl, durch Deine Augen schauen zu dürfen.

    Siehste – dieses Gefühl von Heimat ist mir fremd.
    Aber mein Heimatgefühl ist auch nicht schlecht… wie ich die Tage feststellen durfte :)

  2. aebby

    ich habe jetzt schnell gelesen und werde morgen nochmal in Ruhe lesen – und etwas regt sich in mir auch zu schreiben … mal sehen … bis morgen

  3. frauvivaldi

    Diese Art von Heimat kenne ich nicht. Als Kind und auch noch im „früheren“ Erwachsenenleben bin ich wahrscheinlich zu oft entwurzelt worden. Ich bin da zuhause wo meine Liebsten sind. Und ganz speziell da, wo ich mit dem Liebsten gerade zusammen bin. Also habe ich keinen Heimatort, sondern Heimatmenschen.. und inzwischen vermisse ich es auch nicht mehr. Meinem Schatz geht es übrigens genauso.
    Übrigens – ich mag die Art, wie Du schreibst. Sehr, sehr schön!

  4. Nika

    Tilla, ich würde auch niemals eine Wertung oder Klassifizierung abgeben wollen, welches das ‚richtige‘ Heimatgefühl ist. Oder gar das bessere.
    Ich denke, solange jemand für sich etwas definieren kann, das ihm Wurzeln gibt, egal ob Menschen, Momente oder Orte, ist das schon viel Wert. Nur nicht verloren fühlen müssen, dann ist es gut.

    Ebbs, mach das. Und wenn sich etwas regt, dann lass es los. Dann will es vielleicht auch einfach erzählt werden. Mich würde es freuen.

    FrauVau, Heimatmenschen finde ich einen sehr schönes Wort.

  5. Phil

    Ich stelle mir vor, zu wissen was Du sagen willst. Ich habe sie auch – diese Heimat, gottseidank. Und ohne sie würde ich zuweil verrückt werden.

    Schöne Worte, schöne Gerüche…

  6. doro

    ja. so wie du das schreibst fühl ich das auch. sicher gibt es verschiedene arten heimatgefühl – aber diese eine – von dir so schön in worte gefasste art – ist auch meine.

  7. aebby

    Danke … Deine Erinnerungen haben bei mir auch nochmal Erinnerungsfäden aus meiner Familie hervorgeholt, die mich manches wieder versöhnlicher betrachten lassen …

  8. solanum

    hi, nika, ich fliege hier ab und an und ziemlich unregelmäßig vorbei, aber dieser beitrag hat mich bewogen, doch einmal hier zu schreiben: er ist wunderschön. ohne dich zu kennen, sehe ich den kohlenstaub auf deiner nase, sehe dich im garten sitzen, spüre die wärme des sommers, die angst im kinderherzen vor dem hunde, rieche den geruch eines sofas, das im freien steht, höre denn vorhang aus weidenzweigen im wind rauschen, einfach schön.

  9. nadja

    ich freue mich so!
    dass dein hirn wieder diesen silberfaden produziert hat….
    und das thema, das ist ein ganz tiefes.
    dein schreibstil hat übrigens was von Tschehow oder so einem anderen russischen klassiker, vielleicht warst du ja in deinem vorherigen leben russin?

  10. Nika

    Phil, danke :)

    Doro, irgendwie wusste ich, das dein Heimatgefühl meinem entspricht. Frag mich nicht warum, nur so ein Gefühl irgendwie. Aber schön, dass es stimmt.

    Aebby, ich muss das gleich erstmal bei dir drüben lesen. Inspiration ist aber immer schön, das bin ich natürlich gern.

    solanum, danke, das freut mich natürlich. Und genauso natürlich wohnt in mir die ausgeprägte Neugier, über welche Abbiegung du überhaupt hier gelandet bist?

    Nadja, danke, jetzt hab ich doch lachen müssen. Die Vorstellung, wie ich als russisches Mütterlein an den Wochenenden eine дача bewirtschafte, ist natürlich schon schick.
    (ja schau, ich hab extra das russische Wort für dich hier reinkopiert. Ich hoffe, das war jetzt auch das richtige. Nicht, dass am Ende nun „Klo“ oder so dasteht :))

  11. nadja

    naja, wer sein klo bewirtschaftet, der hats zu was gebracht ;-)

    nein, das wort ist doch programm. ein schönes programm. ich wohne jetzt quasi in einer datscha, holzhütte, gemüsegarten, igel und rehe, was will man noch? ich denk nur grade drüber nach, ob das jetzt so als zweite heimat durchgeht oder immer noch wohnort bleibt.

  12. solanum

    über „ebbs“
    russische dichter passt ganz gut, finde ich ;-) .

  13. Nika

    :) ah, na dann auch weiterhin viel spass hier.

    und ich sollte mich offensichtlich mal mit russischer literatur beschäftigen, wenn ich klinge wie die damen und herren, ohne das ich bücher aus dem land gelesen habe. irgendwie strange, aber putzig.

  14. fotozelle

    Mensch, doll!

    Danke dafür, das war sehr schön zu lesen.

    Ich lebe jetzt seit 22 Jahren in dieser Stadt hier, erst JETZT entwickelt sich so etwas wie ein „Heimatgefühl“. Ich war ja auch noch nie so lange an einem Ort vorher.

    Dennoch: Verwurzelt sein geht anders, ich beneide Dich um Dein Heimatgefühl, aber ich gönne es Dir von Herzen.

  15. Nika

    Home is, where my heart is.
    Das ist im Grunde genommen ja schon völlig ausreichend.
    ;-)

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