Rüsselsheim

Ich mag Stadtverkehr nicht besonders. Trotzdem steige ich in den Wagen. Ich mag Krankenhäuser nicht besonders. Niemand mag Krankenhäuser. Aber ich mag die Menschen, die zu meinem Umfeld gehören. Ich habe sie ausgesucht, eingeladen zu meinem Leben zu gehören. Deswegen steige ich ein.

Der Verkehr rollt langsam und zäh in die Innenstadt. Ich lasse mich leiten von der Stimme der wegweisenden Elektronik. Lasse mich treiben. Parke den Wagen am Zielort. Ich weiss zu gut, wie lang ein solcher Tag werden kann. Zwischen sterilen Laken, umgeben vom Elend.

Meine Turnschuhe, extra die Sonnengelben weil ich versprach,  den Sommer mitzubringen, quietschen leise auf dem Steinboden zwischen dem Stimmgemurmel der Menschen in der Eingangshalle.
Der erste Atemzug ist der schwierigste. Unangenehm. Desinfektionsmittelschwanger. Mein Magen zieht sich zusammen. Aber ich bin fest entschlossen, das es gehen wird. Dränge mit der Übelkeit die aufsteigenden Bilder und Erinnerungen zurück.  So ist es immer in Krankenhäusern. Ich kann jede einzelne Narbe auf meiner Haut fühlen. Es ist wie ein Phantomschmerz. Lange verheilt, manche kaum noch sichtbar. Aber spüren kann ich sie in solchen Momenten. Immer.

Als ich die Zimmertür öffne, kann ich die Erleichterung sehen. Freude. Deswegen und dafür bin ich hier. Wir streifen durch die Gänge. Zum Garten. In die Sonne. Frische Luft für mich. Kuchen und Kaffee für uns beide. Wir plaudern, albern, kichern in den Schokokuchen. Mädchentag im Sonnenschein.

Irgendwann ist die Zeit im Garten vorüber.  Zurück auf dem Zimmer habe ich auch wieder mein Gepäck bei mir. Die Bilder, die fühlbaren Narben, die Übelkeit. Die rosa Elefanten. Wir ziehen uns in die Besucherecke zurück, im Zimmer ist inzwischen die Mitpatientin zurück von der OP. Ich gönne ihr gern die Ruhe und mir den Abstand zum fremden Elend. Wir sehen uns gemeinsam den wunderbaren Bildband von Annie Leibovitz an. Sprechen über Photographie, die Geschichten hinter den Photos. So fülle ich meinen Kopf mit Portraits und Geschichten, sie überlagern meine eigenen, flimmernden Sequenzen.

Die Kulisse ist absurd. Die Einrichtung skurril. Klischeehaft. Ich ziehe die Kamera aus der Tasche und beginne, den Raum zu photographieren. Etwas, das immer wieder funktioniert. Die Kamera zwischen mich und die Welt bringen. Wenn ich etwas durch den Sucher meiner Kamera betrachte wird es zu einer Kulisse, an der ich nicht teilhabe. Die Welt löst sich auf in Linien, Strukturen, bekommt ein Konzept und ich das Gefühl, es kontrollieren zu können. Ich löse die Welt auf. In Paarbildungen. Ich schneide die Welt. Ausschnitte. Anschnitte. Strukturen. Fluchten. Mein Kopf beschäftigt sich mit Lichteinfall und Gleichgewicht. Mit Brüchen und Wiederholungen. Dafür liebe ich die Photographie. Meine Kamera. Für diese Möglichkeit, mich von der Welt zu trennen.

Es ist Zeit für das Abendessen und für mich Zeit, den Heimweg anzutreten. Der Tag war lang, die Nacht die ihm vorausging unerwartet kurz und ich möchte jetzt nicht noch in den Feierabendverkehr geraten. Wir verabschieden uns und ich laufe noch einmal die Gänge entlang. Bemüht, die Geräusche aus den Zimmern nicht zu hören, das Elend nicht zu sehen, den Geruch zu ignorieren.

Ich habe Glück, der Feierabendverkehr scheint in der Stadt hinter mir steckengeblieben zu sein. Die Autobahn ist nur mässig befahren. So wechsele ich auf die linke Spur und habe seit langer Zeit das erste Mal wieder Freude an der Fahrt. Zu lange habe ich meine Zeit im Stau verbracht, war nur noch genervt und wütend im Auto. Jetzt ist das anders.
Eine Zigarette. Die Musik wechseln. Laut. Lauter. Und dann schneller. Ich mag es, wenn die Landschaft zu einem weichfliessenden grünen Streifen wird. Ich mag es, wie die Reifen dieses leise Rauschen auf dem Asphalt erzeugen.
Als ich die Autobahn wieder verlasse, scheint noch immer die Sonne. Es ist warm. Ich lasse das Fenster herunter und meinen Arm vom warmen Luftstrom des Fahrtwindes tragen. Irgendwann hat mein Vater mich bei einer gemeinsamen Autofahrt daran erinnert, dass ich das als Kind schon mochte und gern tat. Daran muss ich gerade denken. Es macht mich lächeln. Mit vielen Dingen im Leben hören wir vermutlich nie auf.

Als ich mir später am Rechner die Photos dieses Tages ansehe, erreicht mich noch ein lieber Gruss und die Freude über meinen Besuch. Alles richtig gemacht. 1 guter Tag. Wirklich. Und das nächste Mal dann wieder im Garten. Nicht mehr in Rüsselsheim und wieder mit dem Duft der Blumen in den Nasen. Darauf freue ich mich. Ich kaufe uns auch einen Schokokuchen, es kichert sich so schön hinein.

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9 Reaktionen zu “Rüsselsheim”

  1. Tanja

    Meine Liebe – ich dachte nicht, dass du darüber schreibst. Und heute komme ich das erste Mal seit langer Zeit einmal wieder dazu durchs die geliebten Blogs zu streifen. Danke für dein Kommen. Für die sonnengelben Sommerschuhe. Für den Schokoladenkuchen und das Tragen meines geliebten Computers. Für´s Verlaufen und Tische rücken. Es war der schönste Tag in Rüsselsheim. Ich hatte mich schon seit dem Morgen gefreut und war total angepisst, als ich kurz vor 2 erst zum Rüssel-Check durfte. Ich setzte mich gegenüber der Glastür, damit ich dich im Notfall sehen konnte.
    Weißt du, als du gegangen warst, da habe ich über die Menschen nachgedacht, die sagten, dass sie mich besuchen kommen. Manche haben noch nicht mal angerufen. Aber du warst da. Ganz spontan und liebevoll. Und das zeigt mir einmal mehr, wer die echten Freunde sind. Ja, wir sehen uns nicht oft. Aber manche Taten sagen mehr als alles andere.
    Dankeschön!
    *drück*

    Ich weiß nicht genau, von welchem Erlebnis du sprichst aber es muss schlimm gewesen sein. Seltsamer Weise warst du die Einzige, die nicht dauernd murmelte, dass Krankenhäuser schrecklich seien.

  2. berni

    du schreibst so, als wenn ich dabei wäre. in mir läuft ein film.
    und ja, ich wusste gleich, dass du bei tanja warst. das hab ich an anderer stelle schon mitbekommen.

    und ja tanja, ich hätte auch gemurmelt, dass ich krankenhäuser nicht mag. das hätte ich wohl nicht unterdrücken können. umso mehr bewundere ich nika ob der heldentat.

    und ja, an rüsselsheim habe ich auch eine erinnering. ich war damals ausbilder beim dekra und sollte im rahmen einer ausbildungsfahrt craschtestmotorräder zu opel bringen. dort wusste natürlich kein mensch bescheid und so wurden wir von tor zu tor gejagt. irgendwann hatten wir dann den richttigen ort gefunden und die moppeds abgeladen. beim drehen auf der stelle habe ich dann mit den aufliegerreifen den von der sonne angeweichten asphalt umgepflügt…und nix wie weg. die rache des kleinen mannes.

    ach ja, und der nasenschmuck steht tanja ausgezeichnet. sie sollte nur daran denken, bein nächstenmal eine zur jacke passende farbe auszusuchen ;-)

  3. Tanja

    Guten Morgen. Was ich noch sagen wollte … die Elefanten gingen mir nicht aus dem Sinn und ich habe den anderen Artikel gefunden. Ich wußte doch, dass da mal was war … ja.
    Gleich gehts wieder nach Rüsselsheim. Den Rüssel säubern lassen. ;o) Kaffee!

  4. Nika

    Tanjahase, für mich ist die Häufigkeit von Treffen ebenfalls kein Qualitätsmerkmal. Nur weil wir uns nicht jede Woche sehen ist das noch lange keine Aussage :) Für mich war klar, dass ich dich besuche. Ich konnte dich doch nicht einfach allein da rumliegen lassen.
    ..und die rosa Elefanten waren nicht schön. Generell lassen sie mich ja in Frieden, nur in Krankenhäusern, da fühlen sie sich daheim und wollen mitspielen. Danach gehen sie dann aber auch wieder und es ist ok.
    Ich hoffe, beim Rüsselcheck waren die heute nett zu dir ;-) Immerhin wartet der Blumenduft im Garten auf dich.

    Berni, ‚unser‘ Rüsselsheim ist übrigens in D’dorf :) Es heisst nur so, weil die Herren in den weissen Kitteln doch an Tanjas Rüssel geschraubt haben. Aber Danke für die Anekdote über die Rache des kleinen Mannes ;-)

  5. Tanja

    Ach soooo. JETZT weiß ich erst, was Bernie gemeint hat. *lol* Ich hab die ganze Zeit gegrübelt, was das Bike wohl mit der Nase zu tun hat.

    Jau, alles fein. Heute war es nicht so voll und die Abheilung ist so gut, dass ich morgen mal aussetzen darf mit Rüssel säubern. Geilo, was?

    Und wegen des Blumendufts gucken wir nächste Woche mal, gelle? Vielleicht finde ich bis dahin noch einen Bäcker mit ordentlichem Schokokuchen. Und jetzt keine Rufe nach selbst backen. Ich hasse Backen. UND ich kann es nicht.

  6. berni

    ja nee is klar.

    ich hätte mir ja fast denken können, was für euch ein rüsselheim ist *gg*

    mid-dorf kann ich nicht dienen. allerdings bin ich schon mal durch wuppertal gefahren. und schokokuchen mag ich auch..nämlich puffer mit schokoplätzchen…aber ganz dolle.

  7. Tanja

    *fniiiihiiiii*
    Aber Berni, durch Wuppertal gefahren gildet ja nüscht. Außer, wenn es mit der Schwebebahn war. Da fällt mir ein – nie wieder Wupp. Der Gedanke macht mich überhaupt nicht traurig. Wenn ich wieder arbeiten gehe, dann in die neuen Räume. *hach*
    No tears for Wupp!
    Kaffee?

  8. berni

    und was ist mit tee?

    mein weicheiermagen sagt nein danke zu kaffee.
    in einem früheren leben als fahrlehrer, hab ich ihn damit überfüttert.

  9. nadja

    ich will auch kaffee. und tee. und schokokuchen. und tanjas neue nase begutachten :-)

    und nikas neue texte lesen :-)

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