Burn your bridges down

Ich halte am Seitenstreifen vor dem Laden. So wie das Motorengeräusch langsam verebbt, schlägt mein Herz dafür umso lauter und schneller. Aber ich kann es mir nicht anmerken lassen, ich will mir das nicht anmerken lassen. Nicht in Anbetracht der beiden grossen Jungs, die lässig am Sockel des Schaufensters vom Studio lehnen. Sie lächeln, L. löst sich von der Wand, kommt mir entgegen als ich die Tür vom Auto öffne und aussteige. Ich bin froh, dass er da ist. In mir wohnt die Ambivalenz. Ich bin nervös, ich bin ängstlich, ich freue mich und in meiner Magengrube rollt sich zufrieden die Sicherheit zusammen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich will das hier. Ich will das hier und ich will es jetzt.

Ich lege mich hin und überlasse Ramoni meinen Arm. Ich kann das Desinfektionsmittel riechen, das Stimmengewirr um mich herum ist mir vertraut. Ramoni und L. diskutieren über Fussball, 2 von den anderen grossen Jungs machen mir Komplimente für den Entwurf, der jetzt achtlos auf dem Tisch an der Seite liegt. „Wenn nur die Farbe nicht wäre!“. Diesen Satz höre ich ungefähr 7 mal in der Zeit, wo die Nadel in meine Haut eindringt und die Farbe dort zurücklässt, wo ich sie mir gewünscht habe.
Ich bin ein Mädchen. Ich darf das. Ich darf meinen Unterarm in pink und lila tätowieren. Es ist mein Unterarm. Und es ist meine Ambivalenz, die dort Gestalt annimmt. Sichtbar wird. Es wird nicht mehr weggehen. Beides nicht. Meine Tätowierung nicht und meine Ambivalenz nicht. Es steckt noch mehr in diesem Motiv, aber darüber schweige ich. Sie alle wissen darum. Sie alle lassen sich auf diese traditionelle Weise tätowieren. Du erzählst von dir, die Motive sind Wegstücke im Leben. Keiner der grossen Jungs fragt, denn sie alle wissen, dass die Antworten nur mir gehören und ich diese Geheimnisse mit meiner Haut teile. Vielleicht werde ich es dem ein oder anderen Menschen erzählen. Aber wann und wo, das entscheide ich. Danach fragt man nicht. Deswegen machen sie weiter Witze über meine Farbwahl und mischen sich in die Fußballdiskussion ein, die inzwischen zu einer Musikdiskussion wurde.
Während ich nur atmen kann. Atmen und die Vibrationen spüren, die die Nadeln in meinem Puls verursachen.
Aber ich habe es so gewollt. Ich wusste, was mich erwartet. Es war ja nicht das erste Mal und nach einer Zeit vergessen wir den Schmerz. So ist das auch bei mir. Ich erinnere mich, dass es Stellen gab, die schmerzhafter waren als andere. Aber wie der Schmerz wirklich ist, das vergesse ich. Bis zu dem Moment, wo die Nadel zurückkehrt. Dann bleibt wieder nur atmen. Atmen und darauf warten, dass es aufhört.
Ambivalent. Es ist ein Ende und es ist ein Anfang. Es ist beides im gleichen Mass.
Ich habe die Brücken niedergebrannt. Und es fühlt sich gut an.
Das Vergessen hat schon angefangen.

15 Reaktionen zu “Burn your bridges down”

  1. Mart

    Wow! Vielleicht ist es eher meine eigene momentane Stimmung, als das was du schreibst, oder meinst – aber ich fand das gerade so fucki’n poetisch … das war die verdammtnochmal schönste Be- nee, Umschreibung eines Grundes ein Tatoo machen zu lassen, die ich bisher gelesen habe. Du hast damit immerhin gerade John Irving ausgestochen.

    Tach, nebenbei :-)

  2. Nika

    Danke Mart.
    Üch errötete! :)

    Und schön, dass du mal wieder vorbeiguckst. Echt jetzt.

  3. Mart

    Bist du eigentlich immer noch bei dem Kackvogel, oder inzwischen auch bei Facebook?

  4. Nika

    Ich mag den Vogel. aber drüben findest du mich auch, ja.

  5. Mart

    nee, eben nicht … deswegen frag ich ja :-)

  6. Nika

    Dann, junger Mann, empfehle ich, einfach mal die E-Mails oder die FB-Anfragen zu kontrollieren.
    …wenn man nicht alles seber macht…

  7. aebby

    Für mich selbst sind Tattoos kein Thema … jetzt verstehe ich aber zum ersten Mal mögliche Beweggründe … das hört sich nach Entscheidungen und bewussten, kraftvollen Schritten an.

    Und ich freue mich von Dir zu lesen.

  8. Nika

    Hellö Ebbs :)

    Mein Tätowierer hat mal so schön gesagt „Es ist kein Grund, sich tätowieren zu lassen, weil es gerade alle tun. Aber das ist auch kein Grund, es deswegen nicht zu tun.“
    Ich mag das sehr, denn er hat Recht. Die Art, in ein Studio zu gehen, spontan vorbeizuschlendern, dann auf ein Motiv aus einem Katalog zu tippen und zu sagen „Joah, das will ich jetzt mal“ kann ich auch nicht nachvollziehen. Im Ansatz nicht, null, gar nicht.
    Es kann bei solchen lebenslangen Entscheidungen nicht um Trends oder sowas gehen. Wenn man sich schon tätowieren lässt und ein Leben lang damit glücklich sein will, dann sollte schon mehr dahinter stehen. In meinem Fall ist es so, dass jede einzelne meiner Tätowierungen a.) ein eigener Entwurf mit dem Tätowierer zusammen und somit einmalig ist und b.) immer ein Stück von mir erzählt. Von Momenten und grundlegenden Dingen, die mir wichtig sind und waren. Was mit sich bringt, dass ich mir jedes einzelne Motiv auch heute sofort wieder stechen lassen würde. (Meine älteste Tätowierung ist inzwischen 10 Jahre alt, um mal noch eine temporäre Einschätzung mitzugeben.) Und alle zusammen erzählen sie von der Liebe, von Hoffnungen, von einigen meiner Charakterzügen und von Dingen, die ich nicht vergessen will. Die ich als persönliches Mahnmal auf der Haut trage und die mich immer wieder daran erinnern, warum ich sie trage. Wer ich bin. Denn manchmal, da verlieren wir uns. Dann vergessen wir Fehler, die wir nicht noch einmal machen wollten. In solchen Momenten ist es hilfreich, wenn dich etwas erinnert.

    Abgesehen davon, dass ich einfach den optischen Aspekt sehr mag. Was aber natürlich einfach mal Geschmackssache ist. Niemand muss das mögen. Ich z.B. mag keine Piercings. Das liegt mir einfach nicht. Aber die Farbe unter der Haut, die mag ich sehr.

    Oft ist das übrigens auch ein hübscher Gesprächsaufhänger. Natürlich schaut man auch bei anderen Leuten auf Tätowierungen, man interessiert sich für das Handwerk, den Stil eines Tätowierers oder schaut auf Motive. Man spricht sich manchmal darauf an oder guckt so offensichtlich, dass der Träger es bemerkt und dann ist es immer wieder unterhaltsam, die eigene Kleidung ein Stück zu verschieben um zu signalisieren „Ich gucke nicht, weil ich’s Kacke finde, wir gehören zusammen. Inked ones!“ Da gab es wirklich schon ein paar sehr putzige Gespräche, die auf diese Art begannen.

    :) Gut, dass das hier mein eigenes Blog ist. Ich rede schon wieder zuviel.

  9. aebby

    Ich find ja nicht, dass Du zuviel redest. Wenn Du das so schreibst werde ich regelrecht neugierig die Tätowierung zu sehen. Das Festhalten von wichtigen Ereignissen und Erinnerungen ist mir wenn auch in anderer Form sehr vertraut. Es gibt da bei mir so ein paar (seltsame) Artefakte, die ich aufbewahre und eine ähnliche Funktion haben.

  10. nadja

    wenn ich mir meine lebensentscheidungen tätowieren lassen würde… seufz. gut, dass ich das nicht tue. aber wie aebby, habe ich meine form des festhaltens. meistens in form von dicken, zum teil vollgeweinten tagebüchern. manchmal hole ich sie aus dem nachttisch und rieche dran, fasse die blätter an, hole mir die bilder herbei… und dann wieder artig wegstapeln, aus dem blickfeld und aus dem sinn.

    ich mag es, wenn du redselig bist. das ist so.

  11. nadja

    p.s. hier unter dem fenster sind zwei kästchen für gesabbel-benachrichtigung. muss ich beide anklicken oder wie?

  12. FrauVivaldi

    Auch wenn ich mich selbst niemals tätowieren lassen würde – Tattoos faszinieren mich absolut, außer wenn es „Modetattoos“ sind, damit kann ich leider so gar nichts anfangen.
    Vielleicht gibts ja mal das ein oder andere Bild Deiner Tätowierungen?

  13. lordfoltermord

    Da ich nicht zu den Inked Ones gehöre (mal abgesehen von den Unfällen mit meinem Füller in der Grundschule), mag ich mir da überhaupt keine Meinung dazu bilden müssen. Ich kann gut verstehen, warum Du es tust und was resp. dass es Dir etwas bedeutet und Du es Dir sicher reichlich gut überlegt hast.

    Bedenklich finde ich höchstens diejenigen die sich volltrunken in der Spelunke neben der Disse einen Steißbeinhirsch oder ein Herz mit dem Untertiel „I lowe Kevin“ stechen lassen, aber das ist deren Problem …

    Aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus: Kann es womöglich sein, junge Frau, dass Du letztens auch mitten in der Nacht das 3sat-Jazz-Festival gesehen hast? Es wäre doch sonst ein arg großer Zufall, dass wir beide quasi simultan auf Frau O’Sullivan aufmerksam wurden …

  14. Nika

    Danke euch :)

    Nadja, diese 2 Felder kommen aus den unterschiedlichen Plugins für die Kommentarbenachrichtigungen. Wenn ich ehrlich bin, kann ich aber spontan nicht sagen, welches Häkchen aus welchem Plugin kommt ;-) Zur Sicherheit, wenn du die Mailbenachrichtigungen bekommen möchtest, würd ich einfach sagen, x-en was das Zeug hält.

    Und Herr Foltermord, ich hab irgendwann, irgendwo (ja, schändlich, ich erinnere mich nicht mehr genau, wo) einen Link gehabt. Im Twitter- oder Facebookstream. Darüber fand ich Frau O’Sullivan und in der Folge dann dieses Stück (im Original mag ich es schon sehr und es ist eins der wenigen Cover, mit denen ich leben kann. Denn die meisten Cover, egal welchen Ursprungs, sind leider einfach furchtbar.)
    Es passte einfach zu gut. Ich verlinke ja sehr selten YouTubegedöns, aber hier wollte ich es gern direkt dabei haben. Was ich aber eigentlich sagen wollte:: Nein, ich hab den 3Sat-Beitrag nicht gesehen, vermutlich dann aber meine Ursprungsquelle ;-)

  15. iF

    Mir gefällt es hier. Ich bleibe.

    Und ’ne Ink-Frage kommt, sobald ich das vor vielen Monden gesehene Wunschmotiv wiederfinde. ;)

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