Bodensatz.

Meine Zeit läuft und rennt und galoppiert. Mir davon. Mit mir davon. Sie hält mich an der Hand und zerrt mich hinter sich her. So schnell, dass ich kaum Schritt halten kann. Meine Schritte scheinen manchmal zu kurz, manchmal komme ich ins Straucheln, meine Füsse scheinen sich nicht einig zu sein, in welche Richtung die Zeit mit uns will und dann stolpern wir übereinander und miteinander, meine Füsse, die Zeit und ich.
Ich hätte mir gewünscht, das alles wäre ruhiger und ich könnte zuerst meine Füsse und meine Schritte sortieren und mir einen Plan machen, wohin wir laufen, meine Füsse und ich. Aber das Stück Papier, auf das ich doch meinen Plan zeichnen wollte, der liegt unerreichbar und leer auf einem Tisch weit hinter mir, keine Chance, auf ihm zu schreiben und Pfeile zu malen.
Ich hatte erwartet, dass dieser Neuanfang nicht leicht werden würde. Aber auf dieses Tempo war ich nicht eingerichtet. Es ist anstrengend und ich war manchmal schon, für einen kleinen Moment, versucht, doch aufzugeben. Luft zu holen und zu beschliessen: Ich gebe auf.
Aber das geht nicht. Weil ich es nicht will. Ich will glauben, dass ich es kann. Das ich eines Tages beide Füsse in den Boden stemmen kann und die Zeit mit einem kräftigen Ruck zwingen kann, nun endlich mein Tempo zu laufen. Einzusehen, dass ich dieses Tauziehen um meinen Arm, an dem sie mich vorwärts zerrt, gewinnen werde. Das ich mich eingerichtet haben werde in diesem neuen Rhythmus, all den neuen Dingen und Menschen und Eindrücken und Anforderungen.
Aber bis dahin werde ich noch ein wenig straucheln und stolpern und vielleicht auch ein bisschen fluchen oder zetern. Bis dahin wird es hier vermutlich ruhiger sein als ich es mir wünsche. Denn eigentlich sind sie da, die Wörter, die jetzt gelangweilt auf der unerreichbaren Tischkante mit dem leeren Blatt Papier sitzen und mit ihren kleinen Beinen baumeln. Sie würden sich viel lieber hier tummeln, sich zu Bildern zusammenstellen um im nächsten Moment für ein neues Bild aufgeregt diskutierend und gestikulieren und unter viel Getrappel kleiner Wörterfüsse umeinander zu laufen.
Bis dahin werden auch die Photos, die zur Zeit noch schlummernd nach dem Scan auf meinen Festplatten zwischen kleinen Kissen liegen, warten müssen. Es fühlt sich an, als könnte ich sie nicht zeigen, weil ich das alles, was zu mir gehört, festhalten und für mich behalten muss. Ich kann nicht mehr geben und zeigen und erzählen, weil ich das alles, was mich ausmacht, zusammenhalten muss. Als würde es schwerer wiegen, mir Halt geben und mich am Boden halten, wenn ich das alle bei mir habe, nur für mich. Sie sind mein Bodensatz. Die Wörter und die Bilder.

6 Reaktionen zu “Bodensatz.”

  1. ebbs

    > … weil ich das alles, was mich ausmacht, zusammenhalten muss.

    Das ist manchmal so sauschwer genau das zu finden und dann zusammen zu halten. Ich wünsche Dir im übertragenen Sinne zwei zusätzliche Arme zum Halten.

  2. lordfoltermord

    Du wirst Dich nicht verlieren. Keineswegs.

    Dafür bist Dir Deiner Selbst viel zu bewusst.

    Es hilft aer möglicherweise, nicht die Zeit als solches anzugreifen. Sie ist es nicht. In derselben Stunde, die dich am Arm ziehend durch die Gegend treibt, sitzt irgendwo jemand und wartet auf den Ausgang einer Operation an seinem liebsten Menschen während jede Minute zur Ewigkeit wird. Wieder woanders sind zwei Menschen derart intensiv miteinander beschäftigt, dass sie die Zeit gar nicht wahrnehmen.

    Das Problem liegt eher darin, sich Zeit-/Arbeitskonzepten Anderer anpassen zu müssen, insbesondere, wenn es nicht der eigenen Konzeption entspricht. Sicher, in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen ist ein gewisses Maß an Anpassung unumgänglich. Nach einer gewissen Weile, wenn der Kopf die meiste Zeit über Wasser ist, wird es Dir sicher zunehmend gelingen, Dein Ich in ausreichendem Maß einzubringen und die Zeit mitzugestalten.

    Bis dahin halte dich ruhig an allem fest, was Dir Sicherheit gibt. Es hat ja einen Grund, warum Du Du bist …

    So, jetzt singen wir gemeinsam Vers ….[verschwimmt in einem weißen Rauschen)

  3. Nika

    Vielen Dank, meine Herren.
    Natürlich habt ihr Recht, es wird irgendwann wieder besser werden.
    Daran glaube ich auch und bis dahin werde ich einfach noch ein bisschen straucheln und stolpern und zetern.

  4. iF

    Die Nika hat exorbitant intelligente Kommentatoren (nein, ich meine nicht mich ;)!

    Wünsche Kraft & Gutes bei der offenbar aufziehenden „schweren“ Zeit!

    So ein Blog ist etwas sehr persönliches, keine Frage … trotzdem schon mal über (korrekturgelesene) Gastautoren nachgedacht, die ihren „Senf“ z.B. zu Stichworten wiedergeben?

    Nur so ’ne Idee.

    Gut gehen lassen!

  5. Nika

    Ach, die „schweren“ Zeiten ziehen gar nicht auf, ich bin ja schon mittendrin. Ausserdem sind sie gar nicht so schwer, es ist einfach vieles neu, ungewohnt und somit erstmal anstrengend. Wirklich schwierig war es vorher, ich muss nur einfach wieder in den Tritt kommen. Aber dit wird schon, kein Ding.

    Und Blogs sind meist persönlich, ja. Meins vermutlich besonders. Daher nein, keine Gastautoren. Das hier ist meins. Und zwar nur meins. Das bleibt definitiv so. In den Kommentaren kann meinetwegen gesabbelt, erzählt und gealbert werden, ganz wie der Besuch Lust hat. Aber die Postings liegen allein bei mir.
    (Hönnse ma, wenn Ihnen dit hier nich reicht, dit Gewöll aus meinem Kopf, dann müssense wohl umschalten. Nämlich. Pah.)

  6. iF

    (Hönnse ma, wenn Ihnen meine nächtlichen (1 Bier zu viel)-Gedanken nich passen, dann müssense wohl andere Kommentatoren suchen.)

    War natürlich nur Spaß.

    Natürlich.

    SPAß!

    MUAHAHAHA!

    I’ll be back.

    And you’ll like it.

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