Über Worte, Koffer und Notärztinnen.

Es passiert mir ja immer wieder. Es sammelt sich in meinem Kopf. Und ich weiss, das es da ist. Umherschwappt. Hinaus will. Das ich loslassen muss. Wieder einmal. Die Worte loslassen. Eigentlich ist es ganz einfach. Ich muss nur loslassen und hinsehen.
Hinsehen, wie sie sich aus dem blinkenden Cursor schieben. Stück für Stück. Schweigen. Einatmen. Ausatmen. Es zulassen. Die Bilder ansehen.

Über die Jahre ist ein zartes, vorsichtiges Ritual darum entstanden. Die Worte sammeln sich, sagen leise „Wir wären jetzt soweit.“ Oft bitte ich sie, doch noch ein wenig abzuwarten. Still zu sein. Weil ich vielleicht noch nicht so genau hinsehen will. Selbst nicht Schwarz auf Weiß sehen möchte, was ich doch eigentlich schon weiss. Wenn ich es aufschreibe, den Worten ihren Raum lasse, loslasse, dann ist es, als würde es wahr werden. Unauslöschbar. Ich habe es angesehen, dann geht es nicht mehr weg.
Der Moment ist unausweichlich, irgendwann wollen sie hinaus. Stausee, gefüllt. Zeit, die Schleusen zu öffnen.

Der blickende Cursor wartet dann auf mich. Einen Kaffeebecher gefüllt neben der Tastatur. Auf dem Tisch einen Aschenbecher, Zigaretten, ein Feuerzeug. Ein leiser Klangteppich, es sind oft die selben Stücke die in solchen Momenten die Worte und das Klicken der Tastatur begleiten. Vertraut.
Gut. Gehen wir auf die Reise. Die anfängt mit einem Koffer. Einem Koffer auf einem Bahngleis.

Enttäuschte Erwartungen, Verletztheiten, das alles ist ein schweres Reisegepäck. Irgendwann lässt man es mit Bedauern an einem Bahnhof stehen, von dessen Gleis kein Zug mehr fahren wird. Das sind Dinge, die passieren. Einfach so. Jeder hat schon einmal einen solchen Koffer an einem stillen Gleis zurückgelassen. Manchmal, da vermisst man dann dieses eine Shirt. Und die Jeans, die so gut passte. Aber irgendwann nimmt man ein anderes Shirt aus dem Schrank, verlässt das Haus dennoch. Auch ohne dieses eine, das einem so gut gefiel, gewöhnt sich daran.

Vielleicht hätte man den Koffer noch ein Stück tragen können. Ein paar Meter, ein paar Stufen hinauf, ein weiteres Stück die Strasse entlang. Vielleicht wäre es leichter geworden, weil man an der Kreuzung in die falsche Richtung abgebogen ist wo es an der nächsten Hausecke dann doch bergab gegangen wäre.
Unser Universum ist voll mit ungelebten Möglichkeiten.
Zu oft warte ich an diesen Kreuzungen. Kann mich nicht entscheiden, welche Richtung ich gehen soll. Wäge ab, eins ums andere Mal.

Dann bin ich die Notärztin, die bis zu den Ellenbogen in Eingeweiden steckt. Nicht aufhören kann mit der Herzmassage. Ich glaube, ich mache einfach zu oft den Fehler, in der Notaufnahme die Fälle noch anzunehmen, bei denen alle anderen mitleidig und traurig den Kopf schütteln. Wo sie schon an der Tür sagen „Nein, da ist Nichts mehr zu machen.“ Ich bin keine von ihnen. Keine der erfolgreichen Ärztinnen mit den klugen und so realistischen Entscheidungen. Ich versuche es trotzdem. Ich habe immer noch nicht gelernt, an der Tür schon „Nein.“ zu sagen. Obwohl ich es sehen kann.

Dann stecke ich doch wieder bis zu den Ellenbogen in den Eingeweiden und höre nicht auf mit der Herzmassage. Ich bin die, die man an die Schulter fasst. Fest und bestimmt. Die man ansieht und sagt „Hör auf. Komm, hör auf. Es ist vorbei.“
Ich brauche immer noch zu lange um den Kopf zu heben, auf die Uhr zu sehen und diesen Satz, diesen einen verdammten Satz zu sagen.
Zeitpunkt des Todes…

Aber irgendwann muss man ihn sagen. Diesen einen verdammten Satz.

2 Reaktionen zu “Über Worte, Koffer und Notärztinnen.”

  1. :: unsaleable :: » Blog Archiv » Wenn Bambi auf Notärztinnen trifft…

    […] Ich weiss nicht, wie oft ich es mir noch selber erklären soll. Wie oft ich mir das Bild der Notärztin, die mit der Herzmassage nicht aufhören kann, noch vor Augen halten […]

  2. :: unsaleable :: » Blog Archiv

    […] hab ich es nicht eher wahr haben wollen? Warum musste ich wieder im Brustkorb stecken. Bis zu den Ellenbogen. Ich weiss es nicht. Aber das ist etwas, was ich noch immer zu gern verstehen würde. Nicht, was du […]

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